GURU RAM DAS
(1534-1581, Guruschaft, 1574-1581)

 

            Über die frühe Geschichte von Guru Ram Das wurde im vorhergehenden Kapitel bereits gesprochen. Viele Schreiber sind der Meinung, dass Akbar Guru Ram Das nur das Land, auf dem die Stadt Ramdaspur (später als Amritsar bekannt) gegründet wurde, versprochen hat, und deshalb, so wird vermutet, wurde die Stadt Amritsar nicht während der Zeit von Guru Amar Das gegründet. Eine weitere anerkannte Tatsache in der Geschichte der Sikh ist, dass Kaiser Akbar nach Goindwal kam und mit den einfachen Leuten beim Langar des Gurus saß, bevor er den Guru überhaupt gesehen hatte. Es scheint, als hatte der Kaiser zu der Zeit das Land im Namen Bibi Bhanis versprochen, und Jethaji, der ihr Ehemann war, wurde durch Guru Amar Das die Verantwortung des Landes übergeben. Guru Nanak übergab die Guruschaft an Bhai Lehna und nicht an seine Söhne. Es ist ziemlich offensichtlich, dass er Guru Angad darum bat, nach Khadur zu ziehen, anstatt weiterhin in Kartarpur zu verweilen, um jegliche Feindschaften zwischen den Söhnen und dem Nachfolger zu vermeiden. Die gleichen Umstände hielten auch während der Amtszeit des zweiten und dritten Gurus an. Daher ist es sehr wahrscheinlich – wie im vorhergehenden Kapitel erwähnt -, dass die Planung einer neuen Stadt während der Regierungszeit von Guru Amar Das anberaumt wurde.

 

            Guru Ram Das verließ Goindwal um in seine neue Kolonie zu ziehen. Viele Sikhs folgten dem Guru und ließen sich dort nieder. Zunächst wurde diese Stadt Ramdaspur genannt, heute jedoch ist sie als Amritsar bekannt.

 

            Ein Steuereintreiber aus Patti in Lahore hatte fünf Töchter, von denen die Letztgeborene sehr religiös war. Eines Tages fragte der Vater, wer ihnen zu essen und zu trinken geben würde. Daraufhin antworteten die ersten vier Töchter, dass es die Eltern seine, die sie mit Essen und anderen lebensnotwendigen Gütern versorgten. Die fünfte Tochter jedoch antwortete ihren Eltern, dass Gott der einzige Versorger Seiner Schöpfung sei. Als er dies hörte, wurde der Vater sehr wütend und bemerkte: “Ich werde  ja  sehen, ob Gott dich beschützen wird.”

            Eines Tages kam ein verkrüppelter Leprakranker in die Stadt, und der Vater verheiratete ihn mit seiner fünften Tochter, um ihr eine Lehre zu erteilen. Diese akzeptierte ihn als ihren Ehemann, tat ihn in einen Korb und trug ihn auf ihrem Kopf von Tür zu Tür, um dort um ein wenig Unterhalt zu betteln. Eines Tages ließ sie ihn unter einem Baum in der Nähe einer Wasserstelle liegen und ging zur nahegelegenen Kolonie, um dort um Essen zu betteln. Der Leprakranke sah einige schwarze Krähen, die ins Wasser eintauchten und weiß wurden, als sie wieder herauskamen. So dachte er, dass das Wasser wundersame Heilkräfte besaß, worauf er selbst aus seinem Korb ins Wasser kroch. Und siehe da, alle Anzeichen der Leprakrankheit verschwanden augenblicklich von seinem Körper, bis auf den einen Finger, den er nicht ins Wasser getaucht hatte. Als die Ehefrau zurückkam, konnte sie gar nicht fassen, was passiert war. Schließlich gingen sie zu Guru Ram Das, der ihnen bestätigte, dass die Wasserstätte tatsächlich solch außergewöhnliche Kräfte besaß, welche dem Leprakranken zuteil geworden waren. Daraufhin wurde das Ehepaar zu Anhängern des Gurus, und arbeitete später an den Ausgrabungen des Wasserspeichers.

                        Der schattige Baum, unter dem sie ihren Gatten gelassen hatte, steht immer noch an Ort und Stelle und heißt ‘Dukhbhanjni Beri’. Die Wasserstelle war als Amritsar – Speicher des Nektars – bekannt, und der Ort selbst als die Stadt Amritsar. Die Arbeit wurde nicht von Guru Ram Das vollendet, wohl aber von seinem Nachfolger Guru Arjan Dev.

 

            GURU RAM DAS UND SRICHAND:

 

                        Baba Srichand, der älteste Sohn Guru Nanaks, gründete eine religiöse Sekte mit dem Namen Udasis. Er ging nach Amritsar und stattete Guru Ram Das einen Besuch ab. Als er den wallenden Bart des Gurus sah, fragte Baba Srichand ihn scherzhaft, warum er ihn sich so lange wachsen lassen würde. Der Guru antwortete: “Um den Staub von den heiligen Füßen derer zu wischen, die heilig sind, wie du.” „Diese süße Bescheidenheit

macht den Zauber aus, der dich so großartig macht und mich so klein fühlen lässt,“ antwortete Srichand.

                        Baba Srichand versprach dem Guru seine Unterstützung. Danach scheuten die Udasis weder Mühe noch Not um der Sikh Religion zu dienen. Es wird gesagt, dass nach dem Tode Banda Bahadurs, als die Mogulführer sich dazu entschlossen, die Sikh Religion auszurotten, die Udasis diejenigen waren, die den Göttlichen Funken des Sikh Glaubens am Leben erhielten.

 

 

 

 

 

            FREIE KÜCHE (GURU KA LANGAR):

 

            Wie seine Vorgänger, so führte auch Guru Ram Das die Tradition von Langar auf eine etwas gehobenere und methodische Weise fort. Wie schon in der Vergangenheit üblich, wurde an dem Ausdruck ‘Pangat’ im Zusammenhang mit Langar weiterhin strikt festgehalten. Jedem, unabhängig von Rasse, Kaste, Glaubensrichtung, Religion oder Geschlecht, war es erlaubt, ohne zu zögern am Essen teilzunehmen. Das Kastensystem und Pilgerfahrten wurden abgelehnt,  und der Aberglaube verurteilt.

 

NEUE  BRÄUCHE:

 

            Guru Ram Das komponierte eine Hymne namens ‘Lawan’ in Suhi Mohalla 4, auf Seite 773 in Guru Granth Sahib, und bat seine Sikhs darum, sie bei der feierlichen Heirat zu rezitieren. Für Paare beinhaltet der Sabad ‘Lawan’ eine Lehre dafür, wie man wahre Liebe füreinander entwickelt. In Wirklichkeit aber soll dieser Sabad dem Menschen dazu dienen, Liebe für den Göttlichen Bräutigam zu entwickeln.

            Der Guru komponierte den folgenden Sabad, um seine Sikhs in der Ausübung ihrer Religion anzuweisen:

            Derjenige, der sich selbst als Sikh des wahren Guru bezeichnet, sollte früh aufstehen und über Gott meditieren;

            Er sollte sich früh am Morgen die Mühe machen, und im inneren Speicher des                      Nektars baden;

            Wiederholt er Gottes Namen unter der Anleitung Gurus, so sollen all seine Sünden und Verstöße aufgehoben sein;

            Bei Sonnenaufgang sollte er die Hymnen des Gurus singen, und, egal ob sitzend oder stehend, über Gottes Namen meditieren;

            Der Jünger, der bei jedem Atemzug über Gott meditiert, wird dem Guru lieb sein; Der Guru gibt Anweisungen an den Jünger weiter, dem mein Gott seine Gnade erweist;

            Der Diener Nanak bete für den Staub auf den Füssen derer Jünger des Gurus, die selbst den Namen Gottes wiederholen, wie auch andere dazu veranlassen, dies zu tun.”

                                                            (Gauri Ki Var-Mohalla 4, Seite 305-6)

 

 

AUSWAHL DER GURUSCHAFT:

 

                        Sahari Mal, Gurus Cousin aus Lahore, lud den Guru ein, seinem Sohn bei dessen Hochzeit die Ehre zu erweisen. Aus irgendeinem Grunde konnte der Guru nicht gehen, aber er bat seinen ältesten Sohn, Prithi Chand, der Hochzeit beizuwohnen. Der aber, weigerte sich zu gehen. Seine Ablehnung hängt möglicherweise mit zwei Motiven zusammen. Zum einen wird gesagt, dass er für die Gaben, die dem Guru gegeben wurden, verantwortlich war, und es ihm gelang, auf verstohlene Weise für sich selbst einige Wertgegenstände beiseite zu legen. Wenn er nach Lahore gegangen wäre, hätte dieser illegale Gewinn in die Hände eines Anderen fallen können. Zum anderen dachte er, dass der Tag, an dem ein Nachfolger für die Guruschaft seines Vaters ausgewählt werden sollte, immer näher rückte, und er deshalb in Amritsar bleiben sollte. Mahadev, der zweite Sohn des Guru, wollte nicht gehen wegen seinem Desinteresse an weltlichen Angelegenheiten. Der dritte Sohn, Arjan Dev, wohnte den Hochzeitsfestivitäten bei. Er wurde angewiesen, nach der Hochzeit in Lahore zu bleiben, um sich um Sikh Sangat  im Ort zu kümmern. Nach einiger Zeit fing er an seinen Vater und den Guru zu vermissen, und er schrieb drei Briefe, von denen zwei in die Hände seines ältesten Bruders Prithi Chand gerieten. Ein Brief, der mit einer „3“ gekennzeichnet war, erreichte den Guru und Arjan Dev wurde unverzüglich aus Lahore zurückgerufen. Bei seiner Rückkehr erzählte er seinem Vater, dass er drei Briefe ggeschickt hatte. Die Wahrheit kam ans Licht und Prithi Chand wurde dazu gezwungen, die anderen beiden Briefe zu liefern. Dadurch rückte ans Tageslicht, was Prithi Chand getan hatte.

                        Guru Ram Das umarmte Arjan Dev und ließ sich fünf „Paise“ und eine Kokosnuss bringen, welche er vor sich legte. Er stieg von seinem Thron herab und setzte sich vor die gesamte Versammlung der Sikh. Bhai Buddha befestigte das „Tilak“ spiritueller Souveränität auf Arjan Devs Stirn, und dadurch wurde er zu Guru Arjan Dev erklärt. Dies geschah im August 1581. Prithi Chand war so wütend, dass er seinen Vater mit respektlosen Worten ansprach. Er sagte zu Bhai Buddha, dass sein Vater unangemessen handelte, indem er seinem jüngeren Bruder die Guruschaft übergab. Er schwor, dass er Guru Arjan von seinem Sitz vertreiben, und sich selbst auf den Guru Gaddi (Thron) setzen würde. Der Guru riet ihm, keinen Streit deswegen anzuzetteln, aber Prithi Chand weigerte sich nachzugeben und erklärte ihm offiziell den Kampf.

            Nachdem er Guru Arjan Dev nominiert hatte, ging Guru Ram Das zu seinem alten Hauptquartier in Goindwal los. Nach ein paar Tagen verließ Er diese Welt am ersten Tag im September 1581.