GURU HAR GOBIND

( 1595-1644, Guruschaft 1606-1644 )

 

            Guru Har Gobind wurde als Kind von Guru Arjan Dev und Mata Gangaji am 19. Juni, 1595 in Wadali, einem Dorf in der Nähe von Amritsar geboren. Das frühe Leben des Gurus wurde bereits  im vorigen Kapitel betrachtet.

 

            Nach dem Märtyrertod seines Vaters (Guru Arjan)  ließ der Guru die Adi Granth von Bhai Buddha vorlesen und die Musiker des Tempels sangen die Hymnen des Gurus. Dies dauerte zehn Tage an. Nachdem die letzten Sterberiten vollzogen waren, begann  Bhai Buddha die Zeremonie der Guruschaft. Hierbei sollte an Folgendes erinnert werden: Als die Frau von Guru Arjan zu Bhai Buddha ging, um sich den Segen eines Sohnes zu erbitten, hatte sie eigenhändig zubereitetes Essen und Brot mit Zwiebeln gebracht. Während er aß, sagte Bhai Buddha: „Der Guru ist der Eigentümer des Vorratshauses, dennoch habe ich den Befehl erhalten, es aufzumachen. So wie du mich mit allem gespeist hast, was mein Herz begehrte, so wirst du einen Sohn haben, wie ihn dein Herz begehrt. Er wird sehr schön und tapfer sein, über geistige und weltliche Macht verfügen, ein mächtiger Jäger werden, königliche Pferde reiten, zwei Schwerter tragen, mächtig im Kampf sein und die Mogule mit Füßen treten. So wie ich diese Zwiebeln zermalme, die du mir gebracht hast, so wird dein Sohn die Häupter seiner Feinde zermalmen und ein großer Krieger und erhabener Guru zugleich sein. Er soll nicht nur den niedrigen Platz eines Gurus vom Dorfe einnehmen, sondern einen prächtigen kaiserlichen Thron innehaben.“ Wie gewohnt brachte Bhai Buddha einen Seli (einen wollenen Strick, der von den früheren Gurus als Halsband oder Stirnband getragen wurde) sowie einen Turban vor den Guru, als Zeichen seiner Berufung. Der Guru befahl, dass der Seli in die Schatzkammer gelegt werden sollte. Dieser erinnerte ihn an seine Prophezeiung und er sprach zu Bhai Buddha: „Meine Bemühungen werden der Erfüllung deiner Prophezeiung gelten. Mein Seli wird eine Schwertkoppel sein und ich werde meinen Turban mit einer königlichen Reiherfeder tragen. Gib mir ein Schwert, anstatt des Selis.“ Das Schwert wurde herbeigebracht, aber Bhai Buddha legte es an die falsche Seite von Guru Har Gobind. Der Guru sagte: „Bring mir ein Weiteres, ich werde zwei Schwerter tragen.“ Er trug zwei Schwerter, die Wahrzeichen der geistigen und weltlichen Vollmacht - Piri und Miri- waren, die Verbindung von ‘Bhakti und Shakti.’

 

 

 

Guru Har Gobind                                                                                                                                   131

 

AKAL TAKHAT:

 

            Der Märtyrertod von Guru Arjan war eine Tat, die in der Geschichte der Menschheit ihresgleichen sucht. Der im Besitz aller vorstellbaren Möchte. Er hätte seinen Tod auf beliebige Weise verhindern können, dennoch erduldete er all die Qualen, um der Welt zu zeigen, wie man sich frohen Mutes, durch dick und dünn, dem süßen Willen Gottes hingeben sollte. In der Tat galten die Inhalte der Adi Granth nicht nur den Yogis, Sidhas und Sanyasis oder den moslemischen Suffis, die abgeschieden in den Höhlen des Himalaja sitzen und den Allmächtigen verehren, indem sie der Welt entsagen. Vielmehr waren die Lehren der Adi Granth auch für Familienmenschen gedacht. Indem sie ein Familienleben führten, gaben die Gurus praktische Beispiele dafür, wie man nach dem Wort des Gurus lebt.

            Guru Arjans grausame und qualvolle Hinrichtung führte zu einer Woge starker Zorngefühle unter den Massen. Die erleuchteten, jedoch nicht passiven Leiden des Gurus flößten dem Volk neuen Mut und neues Leben ein. Man beschloss, das Mühsal auf sich zu nehmen und sich um der Gerechtigkeit willen zu opfern. Über Jahrhunderte hinweg waren zahllose hinduistische Männer, Frauen und Kinder unter dem Schwert der Muslime gefallen. Dies erweichte das steinerne Herz ihrer Unterdrücker nicht, oh nein, im Gegenteil, sie wurden noch grausamer und brutaler. Manchmal ist es vielleicht möglich, den Übeltäter eines Besseren zu belehren, indem man der Unwahrheit und der Ungerechtigkeit mit gewaltlosen Mitteln entgegentritt. Schweigsamer Widerstand und stilles Leiden für eine gerechte Sache kann einen Tyrannen manchmal in die Lage versetzen, seine Übeltaten erkennen zu können und vielleicht wird er dadurch ein besserer Mensch. Die Geschichte zeugt davon, dass selbst Gewaltverzicht gegen einen Tyrann wirkungslos bleibt, wenn dieser so sehr in seinem kriminellen und grausamen Verhalten verstrickt und davon durchdrungen ist, dass er sich um die Grundwerte des moralischen und zivilisierten Benehmens nicht kümmert. Im Wörterbuch dieser Menschen ist Gewaltlosigkeit nur eine andere Bezeichnung für schändliche Feigheit. Solchen machttrunkenen Menschen muss man sich  mutig entgegenstellen, und das mit einem Stock, der größer ist als der ihre.

            Nach der Amtseinführung versuchten einige Masands der Mutter des Gurus unterzujubeln, dass die fünf vorhergehenden Gurus niemals Waffen benutzt hätten; wenn Imperator Jahangir

 dies zu Ohren käme, würde er zornig und wo würden sie (die Sikhs) sich dann verstecken? Den

Masands gegenüber zeigte sie Mut, aber dem jungen Guru machte sie Vorhaltungen: „Mein Sohn,

132                                                                                                                                   Sikh Religion                                                                                                            

 wir haben keinen Schatz, keine Staatseinnahmen, keine Ländereien und kein Heer. Wenn du in den Fußstapfen deines Vaters und Großvaters wandelst, wirst du glücklich sein.“ Der Guru rezitierte den folgenden Vers:

 

            „Der Herr, der Prüfer aller Herzen ist,

            Ist mein eigener Hüter.“

                                   (Bhairon Mohalla 5, S. 1136)

            und sagte, „Hab keine Angst und alles wird gemäß dem Willen Gottes sein.“

            Der Guru teilte den Masands mit, dass er an jenen Wohlgefallen finden würde, die ihm Waffen und Pferde, statt Geld als Opfergaben brächten. Er legte den Grundstein für den Akal Takhat (Zeitlosen Thron) im Jahre 1606 (am fünften Tag der hellen Hälfte des Monats Har, Sambat 1663) genau vor der Hari Mandar. Der Thron wurde 1609 fertig gebaut. Akal Takhat wurde aus soliden Backstein auf einer erhöhten Plattform gebaut, die etwa zehn Fuß hoch stand und wie ein Thron aussah. Der Guru nahm seinen Platz darauf ein. Er baute Akal Takhat ein paar Meter vor der Hari Mandar, damit die Sikh bei Akal Takhat nicht vergessen würden, dass die Pflege  des Geistes ebenso unerlässlich wäre wie gesellschaftliche Pflichten. In der Tat wollte der Guru, dass seine Anhänger ‘Heilige-Soldaten’ seien, äußerst kultiviert, sehr moralisch mit geistiger Weitsicht und dabei immer bereit, das Schwert im Kampf gegen die dämonischen Kräfte einzusetzen. Als Bhai Buddha den Guru im militärischen Harnisch sah, machte er ihm deswegen milde Vorhaltungen. Daraufhin erwiderte der Guru: „Im Hause des Gurus werden Religion und weltliches Vergnügen vereint—der Kessel, um für die Armen und Bedürftigen zu sorgen und der Krummsäbel, um damit die Unterdrücker zu schlagen.“ (Hiervon sollten diejenigen Sikh Notiz nehmen, die sagen, weltliche und praktische Angelegenheiten sollen von der Religion in unseren Gurdwaras getrennt gehalten werden).

            Mehrere Krieger und Ringkämpfer kamen herbei, um dem Guru zu dienen. Er berief zweiundfünfzig Helden als seine Leibwache. Sie bildeten den Kern seines künftigen Heeres. Etwa fünfhundert Jugendliche kamen aus dem ganzen Pandschab, um sich freiwillig in seinen Dienst zu stellen. Er machte Bhai Bidhi Chand, Bhai Jetha, Bhai Piara, Bhai Langaha und Bhai Pirana jeweils zum Hauptmann einer Truppe mit je einhundert Pferden. Das Volk begann sich zu fragen, wie der Guru ein solches Heer weiterhin unterhalten könnte. Der Guru zitierte:

 

           

Guru Har Gobind                                                                                                                                    133

 

            „Gott versorgt jeden mit täglicher Nahrung; warum nur,

            Mensch, bist du damit beschäftigt  Pläne zu schmieden;

            Er stellt Essen sogar vor die nsekten, die er in Felsen

            und Steinen erschuf.’’

                                                         (Gujri Mohalla 5, S. 495)

            Akal Takhat wurde mit der Zeit eine Institution, die in sich die Vorstellung symbolisierte, es sei angebracht das Schwert zum Schutze der Rechtschaffenheit und zur Selbstverteidigung einzusetzen. Hier auf seinem Thron sitzend, pflegte der Guru den Ringkämpfen und den militärischen Kunststücken seiner Jünger zuzuschauen, die auf der offenen Arena gegenüber des Akal Takhat ausgeführt wurden. Da der Guru hier über alle komplizierten Fälle und Streitigkeiten entschied, diente der Akal Takhat als eine Art oberster Gerichtshof für die Sikhs. Neben dem Thron übernahm der Guru alle anderen Wahrzeichen des Königtums: den Schirm, die Schwerter, das Wappen und den Habicht, und so nannten ihn die Sikhs einen wahren König oder ‘Sacha Padshah’ – dem äußeren Anschein nach ein König, in Taten und Reinheit jedoch so heilig und großartig wie die vorhergehenden Gurus. Menschen wandten sich an den Akal Takhat, um in ihren weltlichen Angelegenheiten Rat zu suchen. Dieser Brauch wurde so bedeutsam, dass jede Entscheidung, sobald sie vom Akal Takhat aus gefällt wurde, von den Sikhs enthusiastisch Folge geleistet wurde. Das war der Grund dafür, dass sie alle Schwierigkeiten überwinden konnten. Die Entwicklung dieses Brauchs trug sehr zur Konsolidierung der Sikh-Bewegung bei.

            Manche Autoren erheben den Vorwurf, die Verlockungen der Politik und der Glanz der Waffen leitete den Guru vom wahren Pfad eines religiösen und geistlichen Führers ab. Diese  Beurteilung entbehrt jeglicher Grundlage. Zunächst einmal hatte Guru Har Gobind keinen politischen Beweggrund. Außerdem war es seine Alltagsroutine, zur Hari Mandar zu gehen, sich die Asa di Var anzuhören und dann seinen Anhängern religiöse Anweisungen zu erteilen. Er nahm reges Interesse an der Verbreitung seiner Religion und setzte Prediger in verschiedenen Regionen des Landes ein. Er selbst unternahm Touren zu verschiedenen Orten im Pandschab, um seinen Glauben zu verbreiten. Aber die Politik des Gurus symbolisierte an sich die Reaktion auf die Herausforderung dieser Zeit. Bhai Gurdas begründet die Veränderung in der Vorgehensweise des Gurus unter besonderen Umständen so:

            „Genau wie man den Eimergriff beim Wasserholen binden

                        muss,

            Genau wie die Schlange getötet werden muss, um ‘Mani’ zu gewinnen;

134                                                                                                                                      Sikh Religion

           

            Genau wie der Moschushirsch getötet werden muss, um Moschus von

            des Hirsches Nacken zu gewinnen;

            Genau wie Olivenkerne zermalmt werden müssen, um Öl zu

            gewinnen;

            Um den Samenkern zu gewinnen, muss der Granatapfel

            aufgebrochen werden;

            In gleicher Weise muss das Schwert aufgenommen werden, um

            Sinnlose Menschen zu züchtigen.“

                                                         (Bhai Gurdas, Var-34, Pauri 13)

            Guru Har Gobind scheint der erste Guru gewesen zu sein, der seine Aufmerksamkeit systematisch der Jagd zuwandte. Seine Alltagsroutine in Amritsar gestaltete sich so: Er stand vor Tagesanbruch auf, badete sich, kleidete sich in seine volle Rüstung und ging dann zur Hari Mandar zur Andacht. Dort hörte er sich Japhi und Asa di Var an, wie sie rezitiert wurden. Dann predigte er seinen Sikh. Nach dem Schlussgebet wurden den Truppen des Gurus sowie seinen Anhängern auf gleiche Weise das Frühstück serviert, als sie zu diesem Zweck in Reihen saßen. Er pflegte sich eine Weile auszuruhen und  dann auf die Jagd zu gehen, in Begleitung einer Armee von Waldmenschen, Hunden, gezähmten Leoparden und Habichten aller Art. Am späten Nachmittag saß er auf seinem Thron und empfing seine Besucher und Anhänger in einer Audienz. Musikanten sangen die Hymnen des Gurus und in der Abenddämmerung wurde aus der ‘Sodar’ vorgelesen. Am Ende des Gottesdienstes wurden vielerlei musikalische Instrumente gespielt. Danach begaben sich alle zu ihrer abendlichen Mahlzeit und es wurde ein heiliges Konzert gegeben, bei dem Hymnen gesungen wurden. Danach folgten die Kampflieder des Musikanten Abdullah, um in den Sikh die Liebe für Heldentaten zu wecken und Gefühle zu verbannen, die denen eines Kriegers unwürdig waren. Die Sohila wurde vorgelesen, woraufhin sich  der Guru zu seiner Privatbehausung begab.

 

BANDI CHHOR- DER GROßE BEFREIER:

 

            Chandu befürchtete, der Guru könnte seinen Vater rächen. Seine Tochter war noch unverheiratet und er schrieb an den Guru und bat ihn darum sie zu heiraten, was wiederum abgeschlagen wurde. Darum sprach er sich erneut vor Kaiser Jahangir gegen den Guru aus.

 

 

Guru Har Gobind                                                                                                                                    135

 

Daraufhin berief Jahangir den Guru durch Wazir Khans1 Vermittlung nach Delhi. Nach sorgfältiger Überlegung erklärte sich der Guru bereit nach Delhi zu reisen und beauftragte Bhai Buddha mit den

weltlichen Pflichten und Bhai Gurdas mit den geistlichen Pflichten der Hari Mandar. Er lehrte: „Har Mandar ist im Besonderen dem Dienste Gottes gewidmet, darum soll er immer geachtet werden. Er soll nie durch die Unreinheit des menschlichen Leibes entweiht werden. Keine Glückspiele, kein Weintrinken, kein leichtfertiger Umgang mit Frauen, und keine Verleumdungen sollen dort hineingelassen werden. Niemand sollte stehlen, eine Falschheit aussprechen, Tabak rauchen oder Rechtsstreitigkeiten in seinem Umfeld aushecken. Sikhs, Heilige, Gäste, Fremde, die Armen und die Freundlosen sollten immer mit Gastfreundlichkeit von Sikhs empfangen werden. Mein Volk sollte immer demütig sein, Gottes Namen wiederholen, ihren Glauben fördern, über Gurus Worte nachdenken und alle seine Gebote halten.“ Der Guru reiste dann nach Delhi.

            Unter den guten Auspizien von Wazir Khan empfing der Imperator den Guru anscheinend mit großem Respekt. Da er sah, dass er sehr jung und schon Guru war, hielt er mit dem Guru eine umfangreiche geistige Diskussion, um seine theologischen Kenntnisse zu prüfen.

            Da der Imperator gehört hatte, dass der Guru die Jagd sehr schätzte, bat er ihn, ihn eines Tages bei einem Jagdausflug zu begleiten. Im Walde raste ein Tiger auf den Imperator zu. Elefanten und Pferde wurden erschreckt, Kugeln und Pfeile wurden auf den Tiger geschossen, aber es war umsonst. Der Imperator war völlig gelähmt vor Angst und rief nach dem Guru, auf dass er ihn rette, und dieser stieg von seinem Pferd ab, nahm sein Schwert und sein Schild mit und rannte zwischen den Tiger und den Imperator. Als der Tiger sprang, versetzte er ihm einen Hieb mit seinem Schwert und der Tiger fiel leblos auf den Boden. Der Imperator dankte seinem Gott, dass er vom Guru durch seine Heldentat gerettet wurde.

            Es war an der Zeit, dass der Imperator Agra besuchte und er lud den Guru ein ihn zu begleiten. Nach wiederholten Einladungen willigte er ein mitzukommen. Als die beiden in Agra ankamen, wurde der Guru mit großem Frohlocken vom Volk empfangen. Als er die wachsende Freundschaft zwischen dem Imperator und dem Guru sah, sagte Chandu zu sich selbst: „Der Guru wird sich an mir rächen, sobald sich ihm die Gelegenheit bietet. Ich werde nur dann sicher sein, wenn es mir irgendwie gelingt, diese Freundschaft zu zerstören oder ihn einkerkern zu lassen, und so soll ich alle Bemühungen zu diesem Zweck anwenden.“

           

136                                                                                                                                      Sikh Religion

 

Der Imperator erkrankte und er schickte nach seinem Sterndeuter, auf dass dieser sich nach seinen Sternen erkundige und das Gegenmittel entdecke. Chandu nützte die Lage aus und bestach den Sterndeuter, damit dieser negativ auf die Beziehung zwischen dem Guru und dem Imperator einwirke. Dementsprechend schlug der Sterndeuter vor, ein Heiliger sollte zur Festung von Gwalior

reisen, um dort um die Genesung des Imperators zu beten. Chandu erklärte dem Imperator jedoch, dass Guru Har Gobind der heiligste aller Menschen sei und somit eine doppelte Rolle spielte. Jahangir bat den Guru nach Gwalior zu reisen, was dieser ohne zu zögern tat, da ihn dort eine andere Mission erwartete.

            Freude herrschte in der Festung, als die Ankunft des Guru bekannt gegeben wurde. In der Festung zu Gwalior waren zweiundfünfzig eingekerkerte indische Prinzen (Rajas), die ihre Tage mit Wehklagen und in Elend verbrachten. Sie glaubten, sie würden durch die Fürsprache des Gurus freigelassen werden. Hari Das, der Direktor der Festung, war auch glücklich, da er sich lange nach ‘Darshan’ (dem heiligen Anblick) gesehnt hatte. Er ging los, um den Guru zu empfangen und warf sich vor dem Meister nieder. Der Guru traf sich mit den Prinzen, tröstete sie und spendete ihnen Frieden, was sie selbst im Elend glücklich machte.

            Chandu schrieb ein paar Briefe an den Direktor der Festung und bat ihn dringend den Guru zu vergiften und ihm ein Ende zu bereiten. Hari Das brachte jedoch alle Briefe vor den Guru, so oft er sie empfing, da er sein Anhänger geworden war. Zu dieser Zeit rezitierte der Guru den folgenden Sabad:

 

            „Der Verleumder wird zerbröckeln

            wie eine Mauer von Kalk; hört, ihr Brüder, so wird es

            bekannt.

            Der Verleumder freut sich, wenn er einen Mangel sieht; wenn

            er irgendetwas Gutes sieht, wird er mit Trauer erfüllt.

            Er denkt den ganzen Tag über Böses nach, es tritt aber nicht

            ein; der übel gesinnte Mensch stirbt während er über Böses

            nachdenkt.

            Der Verleumder vergisst Gott, und wenn der Tod sich naht,

            streitet er mit dem Heiligen Gottes.

           

 

Guru Har Gobind                                                                                                                                    137

 

 

Der Herr selbst erhält Nanak, was kann der erbärmliche

Mensch tun? “

                                                         (Bilawal Mohalla 5, S. 823)

           

Jahangir erholte sich von der Krankheit. Der Guru war noch in der Festung zu Gwalior. Als der Imperator das Plädoyer von Wazir Khan zugunsten des Gurus hörte (manche sagen, auch das

Plädoyer von Mian Mir), befahl er, der Guru sollte vor ihn gebracht werden. Als sie das hörten, waren die eingekerkerten Rajas sehr bekümmert. Der Meister wollte die Festung nicht verlassen, es sei denn, alle Rajas würden auch freigelassen werden. Der Imperator gab seinem Wunsch nach und ließ alle zweiundfünfzig Prinzen frei. Deshalb wird der Gurur in Gwalior  immer noch Bandi Chhor—der Große Befreier—genannt, der Heilige, der die Gefangenen befreite. Noch immer steht ein Schrein, ‘Bandi Chhor’, in der historischen Festung zu Gwalior.2

            Mian Mir brachte dem Imperator die Kunde von der Unschuld von Guru Arjan und wie der große göttliche Meister seinem grausamen Befehl entsprechend zu Tode gefoltert wurde. Aber der Imperator wusch sein Hände in Unschuld in Bezug auf diese Sünde und hielt Chandu  verantwortlich für dieses Verbrechen, der dann auf Befehl des Imperators verhaftet und nach Lahore gebracht wurde, um dort hingerichtet zu werden. Er wurde durch die Strassen getrieben, das Volk bewarf ihn mit Dreck und beschimpfte ihn. Ein Getreidetrockner schlug ihn mit einem eisernen Gießtiegel  auf den Kopf und Chandu starb. Als der Imperator von Chandus Tode hörte, bemerkte er, dass er sein Schicksal verdient hätte. Der Guru betete aber für Chnadu, weil Chandu in diesem Leben für seine Sünden gelitten hatte. Er betete, dass Gott ihm hernach verzeihen möge.

            Sujan, ein Masand aus Kabul, der sich großen Reichtum von Opfergaben angesammelt hatte, hörte, dass Guru Har Gobind eine große Vorliebe für Pferde hätte. Er suchte nah und fern und fand schließlich ein Pferd von seltener Schönheit und Schnelligkeit, das er für einhunderttausend Rupien kaufte, um es dem Guru zu schenken. Als Sujan gerade den Fluss Indus übersetzte, fasste ein Offizier das Pferd ins Auge, das von einer seltenen Rasse und Schönheit war, und er nahm das Pferd letztendlich weg und sagte, das Tier sollte dem Imperator zukommen.  Sujan

 

138                                                                                                                                      Sikh Religion

 

erzählte dem Guru, wie er des Pferdes beraubt worden war. Der Guru gab ihm den Ratschlag Geduld zu haben und sagte, dass  niemand außer ihm (Guru) das Pferd reiten würde.

            Als der Imperator aufsitzen wollte, schüttelte das Pferd mit dem Kopf, was man für ein schlechtes Omen hielt. Nach einer Weile erkrankte das Pferd und es wollte weder fressen noch trinken. Alle bekannten Arzneimittel wurden probiert, aber es war umsonst. Als das Pferd in Sterben lag, schlug der oberste Qazi (Rustam Khan) vor, dass es vielleicht genesen würde, wenn man ihm den heiligen Koran vorläse. Daraufhin wurde dem Quazi das Pferd vorgebracht.

            Als der Quazi das Pferd nach Hause führte, wieherte das Tier, als es durch das Zelt des Gurus hindurchging (Der Guru war zu dieser Zeit in Lahore). Durch Verhandlungen mit dem Quazi wurde das Pferd für zehntausend Rupien gekauft. Der Guru tätschelte dem Pferd den Nacken und es begann seine Kraft wieder zu erlangen.

           

KAULAN:

Der Quazi hatte eine schöne Tochter, Kaulan3, die eine Jüngerin von Mian Mir war. Von Kindesbeinen an, hatte sie sich damit beschäftigt, Gottes Namen zu preisen und an ihn in

Gesellschaft der Heiligen zu denken. Durch die heilige Gesellschaft von Mian Mir hatte sie den Lobpreis Guru Har Gobinds gehört und sie pries ihn inmitten ihrer eigenen Familie. Das erzürnte ihren Vater sehr, der sie anredete, „O Ungläubige, du preist einen Ungläubigen (Guru) und gehorchst dem Gesetz Mohammads nicht, gemäß dem es bei der Todesstrafe verboten ist, einen Ungläubigen zu preisen.“ Kaulan entgegnete, „Lieber Vater, das Gesetz des Mohammad bezieht sich nicht auf Heilige. Heilige sind Gottes Diener.“ Als er das von seiner Tochter hörte, wurde der Quazi vor lauter Intoleranz und Empörung zornig. Nachdem er mit seinen Quazi-Brüdern beraten hatte, erteilte er den Befehl für die Hinrichtung seiner Tochter, Kaulan, wegen ihrer Sünde, wobei sie das mohammedanische Gesetz übertrat.

            Kaulans Mutter benachrichtigte ihre Tochter und Mian Mir über den Befehl des Quazis. Mian Mir riet Kaulan, „Hier scheint es kein Mittel zu geben, dich zu retten. Es wäre besser, wenn du nach Amritsar reist und Schutz bei Guru Har Gobind suchst. Außer ihm kann keiner dein Leben retten.“ Kaulan gehorchte Mian Mir und ging nach Amritsar.

           

 

Guru Har Gobind                                                                                                                                    139     

Kaulan begann ihr Leben in Amritsar unter dem Schutz des Gurus. Ihr wurde ein separates Gebäude zugewiesen, worin sie wohnen sollte. Kaulan fand Trost, indem sie folgenden Sabad wiederholte:

 

            „O Mutter, ich wache auf in Gesellschaft der Heiligen;

            Wenn ich die Liebe des Geliebten sehe, wiederhole ich seinen

Namen, der ein Schatz ist.

            Nach seinem Anblick dürstend sehne ich mich nach ihm und

            suche nach ihm.

            Meinen Wunsch nach anderen Sachen habe ich vergessen.

            Den Guru habe ich gefunden, den Geber der Gemütsruhe und des

            Friedens.

            Wenn ich ihn anschaue, bin ich eins mit Gott..

            Bei Gottes Anblick ist die Freude in meinem Herzen aufgegangen;

            Nanak, lieb und teuer ist mir sein duftendes Wort.“

                                                     (Kedara Mohalla 5, S. 1119)

            Eine lange Zeit verstrich auf diese Weise, bis sie eines Tages ihre sämtlichen Juwelen nahm und sie vor den Guru legte und sagte, „O Freund der Armen, wende bitte den Erlös von diesen Juwelen auf eine  religiöse Weise an, auf dass mein Name eine Zeit lang in dieser Welt in Erinnerung bleiben möge.“ Mit dem Geld ließ der Guru 1621 ein Wasserbecken in ihrem Namen ausgraben. Das Wasserbecken ist immer noch als Kaulsar in der Stadt Amritsar gut bekannt. Guru Har Gobind ließ ein weiteres Wasserbecken bauen, das Babeksar heißt, um der geistigen Rede zu gedenken, die er an dieser Stelle seinen Jüngern hielt. Es gibt nun fünf heilige Wasserbecken in der näheren Umgebung des Goldenen Tempels: Santokhsar, Amritsar, Ramsar, Kaulsar und Babeksar.

 

MOGUL-STREITKRÄFTE UND DER GURU:

 

            Der Herrscher Jahangir war in Kaschmir gestorben und sein Sohn, Shah Jahan, wurde zum Imperator von Indien.

            Als Prithias Sohn, Meharban, von Chandus Tode hörte, war er sehr bekümmert. Meharban sagte zu sich, „Sulhi Khan starb, als er sich dem Guru widersetzte. Mein Vater starb, weil er gegen den Guru war. Nun ist Chandu gestorben. Über welche Magie verfügt der Guru, dass ihm niemand

140                                                                                                                              Sikh Religion

 

zu widerstehen vermag?“ Meharban tauschte seinen Turban mit dem von Karam Chand, Chandus Sohn zum Zeichen lebenslanger Freundschaft und diskutierte dann mit ihm darüber, wie sie den Untergang des Gurus herbeiführen könnten. Sie fingen an Shah Jahan den Sinn gegen ihn zu verderben. Guru Har Gobind sandte seine verehrten Sikhs zu Meharban, um ihn von seinen feindseligen und bösen Plänen abzubringen. Er ging auch selbst hin zu Meharban, um ihn zu beschwichtigen, aber es war vergeblich.

            Shah Jahan verfolgte eine andere religiöse Politik. Er diente der Orthodoxie und religiöser Fanatismus war während seiner Regierungszeit auf einem beträchtlichen Höhepunkt. Er hatte reges Interesse am Wohlergehen neuer Bekehrter zum Islam. Fiel irgendein Moslem von seiner Religion ab, so wurde streng mit ihm umgegangen. Einige sich im Bau befindende Tempel im Pandschab wurden abgerissen und an ihrer Stelle wurden Moschees errichtet. Shah Jahans Geist wurde gegen den Guru von dessen Feinden verdorben und bald wurden die freundlichen Beziehungen, wie sie seit 1611 bestanden hatten, abgebrochen und eine Zeit offener Feindseligkeit gegen die Sikhs begann.

            Auf dem Weg nach Pilibhit besuchte der Guru Kartarpur, wo er einigen mit Schwertern und Schilden ausgerüsteten Pathanen des Dorfes Wadamir begegnete, die ihm ihre Dienste anboten. Unter ihnen war ein großer und kräftiger Bursche namens Painde Khan. Seine Eltern waren gestorben und er wohnte bei seinem Onkel. Der Guru warb Painde Khan für seinen persönlichen Stab an und verwöhnte ihn ständig, um seine Kraft zu steigern. Ohne Hilfe eines Seiles oder Zaumes konnte er ein bei voller Geschwindigkeit laufendes Pferd aufhalten. Kein Ringkämpfer wollte mit ihm kämpfen.

            Der Guru übte alle Kampfkünste und sammelte Waffen jeder Art. Er ging auf Jagd und schaute zu, wenn Painde Khan und andere ihre Kraft zur Schau stellten. Er schenkte Painde Khan die von den Sikhs gemachte Opfergabe. Dies machte Anderen große Angst und Sorgen. Eine Sikh-Delegation ging zu Bhai Gurdas hin, der sie dann zu Bhai Buddha weiterschickte. Bhai Buddha sprach zum Guru, „Du bist wie der Ganges, wie die Sonne und wie das Feuer. Der Gangesfluss verschlingt Leichen und Gebeine der unzähligen Toten und bleibt dennoch rein; die Sonne zieht giftige Dampfschwaden zu sich herauf und bleibt dennoch rein; Feuer verbrennt die Toten und bleibt dennoch rein. Du bist wie alle drei. Wenn die Sikhs deine Vorliebe für Sport und Militärübungen sehen, haben sie Angst um dich. Darum gib sie auf, bitte.“ Der Guru lachte und sagte: „Ich habe nichts Ungehöriges getan. Ich erfülle lediglich deine Prophezeiung und verbessere die Lebensumstände meiner Sikhs.“

Guru Har Gobind                                                                                                                        141     

Vorbereitungen wurden getroffen, für die Hochzeit der Tochter des Gurus, Bibi Viro, und süße Speisen wurden zubereitet und in einem Zimmer aufbewahrt. Eine Reisegruppe von Sikhs kam aus dem Westen, um den Guru zu sehen und ihre Spenden darzubringen. Sie waren ermüdet und hungrig, als sie nachts spät ankamen und die Küche zu war. Der Guru wünschte, dass die für die Hochzeit aufbewahrten süßen Speisen seinen Gästen serviert werden sollten. Der Schlüssel zum Zimmer war bei Gurus Frau, Mata Damodri, die sich weigerte, jemandem von den Süßigkeiten abzugeben, bis die Hochzeitsgäste des Bräutigams davon gegessen hatten. Der Guru bat seine Frau erneut darum, aber sie blieb bei ihrem Entschluss. Daraufhin sagte der Guru vorher: „Meine Sikhs sind mir lieber als das Leben. Wären sie die Ersten die süße Speisen zu kosten, so würden alle Hindernisse für die Hochzeit aus dem Weg geräumt werden, aber jetzt werden die Mohammedaner kommen und die süßen Speisen  in Besitz nehmen und die Hochzeit wird unterbrochen werden.“ Diese Prophezeiung ging in Erfüllung. In der Zwischenzeit brachte ein Sikh süße Speisen herbei, die den Gästen des Gurus serviert wurden.

            Imperator Shah Jahan ging von Lahore aus in Richtung Amritsar auf Jagd. Der Guru ging auch in die gleiche Richtung.4 Ein Konflikt brach zwischen den Sikhs und den königlichen Soldaten aus, und zwar wegen der Streitfrage über einen königlichen Habicht. Einer der königlichen Habichte flog einem Opfer hinterher und fiel den Sikhs in die Hände. Die königlichen Soldaten kamen,um den Habicht zurückzuholen, aber wegen deren Arroganz und Schimpfworte weigerten sich die Sikhs den Habicht auszuliefern und das war der Anfang der Schwierigkeiten. Die königlichen Soldaten wurden in einem Gemetzel vertrieben. Sie eilten zurück und erstatteten dem Imperator Bericht über den Sikh, der den Habicht ergriffen hatte und auch über die Gewalttätigkeit der Sikhs. Die Feinde des Gurus fanden eine gute Gelegenheit die Beschuldigungen gegen ihn wieder aufzunehmen und den Imperator an seine angeblichen Missetaten zu erinnern.

            Der Imperator sandte Mukhlis Khan, einen seiner getreuen Generäle mit siebentausend Soldaten, um die Sikhs zu bestrafen. Als die Sikhs von Lahore von der Militärexpedition hörten, sandten sie unverzüglich einen Boten nach Amritsar , um den Guru über den Angriff zu benachrichtigen. Im Palast des Gurus herrschte großer Jubel wegen der Hochzeit seiner Tochter. Die Familie des Gurus wurde sofort in ein Haus in der Nähe von Ramsar gebracht. Am nächsten Tag in der Frühe wurde beschlossen, die Familie nach Goindwal zu schicken. Es war zufällig der

 

142                                                                                                                                     Sikh Religion

 

 

kommende Tag, der für Viros Hochzeit bestimmt war. Darum ordnete der Guru an, dass seine

Familie sowie alle nicht am Kampf beteiligten sich in Jhabal aufhalten sollten, einer etwa sieben Meilen südwestlich von Amritsar liegenden Stadt, und die Hochzeit sollte dort gefeiert werden, bevor sie nach Goindwal gingen. Zwei Sikhs wurden hingeschickt, um den Festzug des Bräutigams anzuhalten, so dass er dem Feind nicht in die Hände fiele.

            Eine kleine Festung, Lohgarh, stand außerhalb der Stadt. Sie war eine Art hohe Plattform (die als ein Turm diente), worin der Guru nachmittags seinen Hof zu halten pflegte und sie war von einer hohen Mauer umgeben. Vor dem Angriff wurden fünfundzwanzig Sikhs dort postiert. Der Guru ging zum Tempel hin und betete um den Sieg. Bei diesem Anlass wiederholte er den folgenden Vers:

„Schlechte Menschen und Feinde werden alle von dir zerstört, O Herr, und Deine Herrlichkeit wird offenbart. 

            Du hast diejenigen sogleich zerstört, die deine Heiligen belästigten.“

                                                         (Dhanasri Mohalla 5, S. 681)

            Die Mitglieder der Sikhs in Lohgarh, obschon sie tapfer waren, waren zu wenige, um das Heer der Mughals aufzuhalten. Nachdem sie hunderte der feindlichen Soldaten getötet hatten, fielen sie als Märtyrer für die Sache des Gurus. Die feindlichen Soldaten marschierten zum Palast des Gurus weiter, um den Guru zu suchen, wurden aber wütend, als sie den Palast leer vorfanden. Sie suchten das Haus ab und vergingen sich an den süßen Speisen. Bei Tagesanbruch begann der Kampf—das Klirren von Schwertern und das Schwirren von Kugeln. Tapfere Männer fielen, Blut floss im Überfluss, Leichen wurden aufeinander gehäuft, Häupter, Körper, Arme und Beine wurden getrennt und Pferde ohne Reiter liefen in der Stadt umher.

            Bhai Bhanu war der Oberbefehlshaber von dem Heer des Gurus und Shams Khan war einer der Hauptmänner des kaiserlichen Heeres. Shams Khans Pferd wurde getötet. Bhai Bhanu stieg dann ab und er und Shams Khan griffen sich gegenseitig im Einzelkampf an. Bhai Bhanu sprach zu Shams Khan: „Nun werde ich dich nicht entkommen lassen.“ Shams Khan erwiderte: „Verteidige dich, ich schlage zu.“ Bhai Bhanu fing das Schwert an seinem Schild auf und, indem er mit seiner ganzen Kraft nach vorne schob, enthauptete er  Shams Khan mit einem Schlag. Als die Mohammedaner ihren erschlagenen Befehlshaber sahen, stürzten sie auf Bhai Bhanu zu und kreisten ihn von allen Seiten ein. Er raffte die Feinde dahin, als wären sie Radieschen. Letztendlich

 

Guru Har Gobind                                                                                                                                   143

 

wurde er von zwei Kugeln getroffen, die durch seinen Leib hindurchflogen und der tapfere Befehlshaber von Heer des Gurus stieg hinauf in den Himmel.

            Bhai Bidhi Chand, Painde Khan und Bhai Jati Mal hatten großes Unheil unter dem mohammedanischen Heer angerichtet. Indem sie ihre Lanzen hoben, machten sie die Pferde ihrer Feinde reiterlos. Der Guru selbst kämpfte so tapfer, dass niemand, der von ihm geschlagen wurde, je wieder um Wasser bat. Painde Khan war genauso erfolgreich im Kampf. Er tötete Didar Ali, den letzten Überlebenden des persönlichen Stabes Mukhlis Khans.

            Allein gelassen, glaubte Mukhlis Khan, ihm bleibe nichts anderes übrig, als den Guru selbst anzugreifen. Er sagte: „Lass dich und mich den Streit jetzt im Einzelkampf entscheiden und keinen anderen herantreten.“ Um ihm zu gefallen, gebot der Guru seinen eigenen Männern, ihm aus dem Weg zu gehen. Dann ließ er einen Pfeil fliegen, der das Pferd Mukhlis Khans tötete. Der Guru saß ab und sagte: „Zeig mir, was du kannst und mach den ersten Schlag.“ Mukhlis Khan zielte einen Schlag auf ihn, dem der Guru durch eine schnelle Bewegung auswich. Der nächste Schlag traf das Schild des Gurus. Dann warnte der Guru: „Du hast mir zwei Hiebe versetzt, die ich abgewehrt habe. Nun bin ich an der Reihe.“ Der Guru hob dann seinen kraftvollen Arm und versetzte ihm einen solchen Schlag, dass ihm das Haupt ab- und entzweigeschlagen wurde.

            Painde Khan, Bhai Bidhi Chand und Bhai Jati Mal töteten diejenigen feindlichen Soldaten, die von ihrer Stellung nicht weichen wollten, aber die Mehrzahl von ihnen floh ohne sich umzudrehen. Danach war der Sieg des Gurus komplett und die Siegestrommel wurde freudig gerührt. Diese Schlacht wurde 1628 gekämpft (manche datieren es auf 1634). Die Schlacht erstreckte sich bis etwa vier Meilen südlich von Amritsar und eine Dharamsala, welche die Sangrana hieß, wurde errichtet, um des Gurus Sieg zu gedenken. Eine Messe wird jedes Jahr an diesem Ort veranstaltet.

            Nachdem er die letzten Sterberiten für seine tapferen Soldaten ausgeführt hatte, reiste der Guru nach Jhabal und traute seine Tochter.

 

 

GRÜNDUNG DER STADT HAR GOBINDPUR UND ZWEITE SCHLACHT:

 

            Als er vom Tode Mukhlis Khans und der Niederlage seines Heeres hörte, berief Shah Jahan eine Ratsversammlung seiner Hauptmänner ein wobei beschlossen wurde, dass der Guru gefangengenommen oder getötet werden sollte, auf dass er die Zügel des Imperiums nicht ergreife.

144                                                                                                                                    Sikh Religion

 

Wazir Khan, ein Jünger des Gurus, verteidigte ihn und sagte: „Herr, der Guru ist kein Aufrührer und hat es nicht auf dein Imperium abgesehen. Hätte er je eine solche Absicht gehabt, so hätte er seinen Sieg zu Ende geführt, hätte irgendeine Festung, irgendein Territorium in Besitz genommen oder einige deiner Schatzkammern ausgeplündert. Ist es denn kein Wunder, dass er mit nur siebenhundert Mann das Heer von siebentausend zerstörte?“ Diese und viele solcher Argumente Wazir Khans wurden durch die Freunde des Gurus am Hof bestätigt. Der Imperator wurde überzeugt und erklärte sich bereit die Vergangenheit hinter sich zu lassen..

            Nach dem Kampf reiste der Guru nach Kartarpur. Painde Khan machte dem Guru bald Sorgen, da er zu prahlen anfing: „Ich bin es, der die zahllosen Heerscharen besiegte, die sich dem Guru bei Amritsar entgegenstellten. Mit meinem Pfeil spießte ich auf, wie Vögel am Spieß. Wäre ich nicht da gewesen, so hätte niemand den Mut gehabt sich ihnen entgegenzustellen. Die Sikhs wären alle geflohen.“ Der Guru hörte das. Painde Khan, der ihn früher den ganzen Tag aufzuwarten pflegte und nur aus dem Grund zu schlafen auf sein Quartier ging, wurde  befohlen zuhause zu bleiben und ihn nur gelegentlich zu besuchen. Das war der Verweis des Gurus für Painde Khans Prahlen.

            Es war eine regnerische Jahreszeit und der Guru ging, nachdem er den Beasfluss übergesetzt hatte, zur hochaufragenden rechten Seite des Ufers. Er bemerkte, dass die Behausungen auf dem Lande nur in der einen Richtung lagen und der Rest des Landes unbewohnt war. Er hielte es für einen guten Platz, eine Stadt zu gründen. Das Volk empfing ihn mit offen Armen, aber der Grundherr, Chaudhry und Bhagwan Das Gherar waren ihm nicht günstig gesinnt. Ihm gegenüber verhielt sich Gherar feindselig und benutzte Schimpfwörter. Daraufhin brach ein Streit aus, wobei Gherar getötet wurde. 

            Da er das Wohlwollen des Volkes für sich gewonnen hatte, traf der Guru Vorbereitungen für die Stadt. Er selbst schnitt die erste Grassode und ließ Maurer und Tagelöhner von den benachbarten Dörfern kommen. Ihm zu Ehren wurde die Stadt danach Sri Har Gobindpur genannt.

           

Rattan Chand, Sohn des Gherars, schwor, sich den Tod seines Vaters

zu rächen. Er ging zu Karam Chand, Chandus Sohn, und drängte ihn darauf, sich

mit ihm gegen den gemeinsamen Unterdrücker (den Guru) zu verbünden.

Beide gingen dann zu Abdulla Khan, dem Subedar von Jullundhur. Rattan

Chand brachte seine Beschwerden zum Ausdruck und

beschrieb, wie sehr es dem Herrscher gefallen würde, wenn ihm der Guru

in die Hände geliefert und welche hohe Beförderung der Subedar

erhalten würde. Der Subedar und seine Ratgeber ließen sich von Rattan

Chands Argumenten überzeugen und planten und organisierten eine sofortige Militärexpedition gegen

den Guru. Als der Guru von der Militäraktion

hörte, sagte er schlicht und ergreifend, Was auch immer Gott gefällt, ist am besten.

     Der Subedar hatte ein Heer von zehntausend Mann. Seine Truppen

teilte er in acht Kampfabteilungen auf: fünf für seine Generäle, zwei für

seine Söhne und eine für sich selbst. Der Guru übergab den Befehl an

Bhai Jattu, Bhai Bidhi Chand, Bhai Jati Mal, Bhai Mathura, Bhai

Jaganath, Bhai Nano und andere. Unter dem wohlwollenden Blick

des Gurus wurden die Sikhs, einst schwach wie Hasen, nun stark wie

Löwen. Ungeachtet ihrer Herkunft oder früheren Bestimmung

erwiesen sich alle als galante Helden im Kampf. Nachdem alle Generäle

Abdullas auf dem Schlachtfeld gefallen waren, entschloss sich dieser dazu, entweder zu

siegen, oder zu sterben.  Karam Chand, Rattan Chand und Abdulla Khan

fielen alle drei über den Guru her, worauf dieser Karam Chand und Rattan Chand

dann fragte, „Woran denkt ihr? Rächt nun eure Väter! Zieht nicht wie

Feiglinge zurück! Seid tapfer und steht vor mir; andernfalls sollt ihr dahin

gehen, wohin eure Väter gegangen sind.“ Der Guru schlug Karam Chand mit

seinem Schild, ließ ihn taumeln und fallen. Rattan Chand kam ihm zu

Hilfe gelaufen, wurde aber erschossen. Abdulla erteilte dem Guru ein paar Hiebe,

die dieser mit seinem Schild parierte. Dann nahm er all seine Kraft zusammen,

zog sein Falchion gegen den Subedar und trennte ihm das Haupt vom

Leib. Inzwischen kam Karam Chand wieder zu sich und stürzte auf

den Guru zu. Darauf erfolgte ein Schwertkampf zwischen den beiden,

der so lange dauerte, bis das Schwert des letzteren zerbrochen wurde. Als heiliger Mann,

der keinen Wunsch hegte, seinen Gegner auf gemeine Art und Weise

zu übervorteilen, steckte der Guru sein eigenes Schwert wieder in die

Scheide und lieferte dem Gegner einen Ringkampf. Schließlich packte der

Guru ihn an beiden Armen, schwang ihn herum und schmetterte ihm das

Haupt auf den Boden. Der Subedar und alle seine Generäle wurden

getötet, sein Heer hatte die Flucht ergriffen, die Schlacht war zu Ende

und der Guru trug den Sieg davon.

 

 

DRITTE SCHLACHT:

 

     Zwei Masands, Bakhat Mal und Tara Chand, waren nach Kabul

entsandt worden, um Gelder für den Guru einzusammeln. Sie kehrten

in Begleitung einer Gruppe Sikh, welche

Dil Bagh und Gul Bagh, zwei Pferde von unübertrefflicher Schönheit

und Geschwindigkeit, als Spende darbrachten, zurück. Beide Pferde wurden

von den Beamten des Herrschers beschlagnahmt. Die Sikh waren sehr bestürzt, als sie sahen, dass sie der von ihnen für den Guru gekauften Pferde beraubt worden waren.

     Bevor Bhai Bidhi Chand in den Dienst Guru Arjans eintrat,

war er ein sehr bekannter Straßenräuber gewesen, was Aufzeichnungen einiger seiner Taten bestätigen. Danach wurde er ein Nachfolger des Gurus. Die Sikhs meinten, da es auf

der ganzen Welt keine Dil Bagh und Gul Bagh ebenbürtigen Pferde

gäbe, gäbe es auch niemanden, der gleich wie Bidhi Chand in der

Lage wäre, die Pferde wieder in Besitz zu nehmen. Schließlich

entschloss sich Bidhi Chand dazu, die Aufgabe zu erledigen. Er bereitete

sich darauf vor, sprach ein Gebet und reiste nach Lahore, um

die Pferde zurückzugewinnen. Dort in Lahore wohnte ein Sikh Zimmermann

namens Jiwan, bei dem er verweilte.

     Bidhi Chand fing an als Kasiara (Grasschneider) zu arbeiten.

Er schnitt schönes, geschmeidiges Gras, bündelte es

und brachte es zum Markt. Das Gras war schön und

Bidhi Chand verlangte dafür einen hohen Preis. Letztlich kam er

zu Sondha Khan, dem königlichen Stallaufseher, der, als er das

Gras in Augenschein nahm, bemerkte, dass er noch nie solches

Gras gesehen hätte. Es war für Dil Bagh und Gul Bagh geeignet und er

wies seine Männer an, den Preis auszuhandeln und es für die Pferde

zu kaufen. Sondha Khan nahm Bhidi Chand, der das Gras auf seinem

Kopf trug zu dem Ort, an dem die Pferde angebunden standen. Die

Pferde fraßen nach Herzenslust, als hätten sie einen ganzen Tag

lang gefastet. Er tat mehrere Tage lang das Gleiche, bis er - gegen eine Rupie Entgelt pro Tag - zum

Grasschneider für die berühmten Rösser des Herrschers ernannt

wurde. Er arbeitete so eifrig und zeigte solche Höflichkeit und Gutmütigkeit durch

seine Worte, dass ihm, seinen Worten zufolge, Sondha Khan das

 Auf- und Abzäumen der Pferde anvertraute. So geschah es einmal,

dass der Kaiser kam, um die Pferde zu sehen, und wegen

des Wohlergehens der Pferde sehr erfreut war, was zu großer Bewunderung Bidhi

Chands führte.

     Eines Tages bemerkte einer seiner Mitknechte ihm gegenüber, dass er

mehr als ein jeder von ihnen verdiene, dass er aber nie feiere. Bidhi

Chand nahm diese Aufforderung zum Anlass, und so ging er zum Markt und

kaufte die stärksten Spirituosen. Ein Abendessen wurde zubereitet, zu dem er seinen Freunden so viel starken Alkohol servierte, dass sie  an dem Abend zu nichts mehr in der Lage waren, und er frei war, sein Vorhaben auszuführen.

Er bestieg Dil Bagh und peitschte ihn, um ihn auf die Mauer

hin zu bewegen, über die er springen sollte. Das noch nie

zuvor berittene Pferd, als es so ungewohnt mit der Peitsche

wachgerüttelt wurde, raffte seine Kräfte zusammen, übersprang

mit einem Sprung die Festungsmauer und stürzte mit seinem Reiter

 in den Fluss hinein (der Fluss floss entlang dem Marstall). Bhidi

Chand, ein gekonnter Reitkünstler, zügelte das Pferd im Wasser

und kam wohlbehalten ans Ufer. Er gelangte nach Bhai Rupa, einem

Dorf, in dem der Guru sich aufhielt.

     Den Sikhs war es aufgefallen, dass Dil Bagh sein Getreide nicht

ordentlich fraß, und dass er seinen Gefährten Gul Bagh vermisste.

Darum brach Bidhi Chand auf, um auch Gul Bagh zurück-

zugewinnen. Als er Lahore erreichte, erfuhr er, dass eine Belohnung

für denjenigen ausgesetzt war, der Dil Bagh fand. Bidhi Chand

veränderte sein Äußeres, um nicht erkannt zu werden, ging zum Festungstor

und behauptete, „Ich bin ein erfahrener Fährtenfinder und

Astrologe, der alles Verlorene aufspüren kann.“ Als Bidhi Chand

unter dem Pseudonym Ganak vor den Herrscher gebracht wurde,

überzeugte ihn dieser, er besäße die Fähigkeit Omen auszulegen, Spuren

zu entdecken, sowie Sterne und Planeten zu lesen. Der Herrscher

versprach ihm hundert Tausende von Rupien, wenn er ihm zeigte, wo das

Pferd war. Bidhi Chand erwiderte dem Herrscher, „Ich weiß zwar, wo

das Pferd ist, jedoch möchte ich zunächst den Ort sehen, woher es

gestohlen wurde; dann werde ich alle Auskunft preisgeben.“ Daraufhin

brachte ihn der Herrscher samt dessen Dienerschaft in den Pferdestall.

Einige versuchten dem Herrscher davon abzuraten, dem Fremdling

Vertrauen zu schenken, doch wurde dieser Ratschlag außer Acht ge-

lassen.

     Auf Bidhi Chands Rat hin wurden alle Pferde im Marstall auf-

gesattelt, vollkommene Abgeschlossenheit und Ruhe wurde an-

geordnet und den Festungsbewohnern wurde es untersagt, ein-

oder auszugehen. All dies wurde getan, damit Bidhi Chand in voll-

kommener Ruhe sitzen und Pläne schmieden konnte. Macauliffe

gibt Bhai Bidhi Chands Anrede an den Herrscher folgender-

maßen wieder:  „Sei hellhörig! Betrachte den Dieb nicht als einen,

der in Vergessenheit geraten darf. Kraft seines Heeres nahm dein

Vater ein vortreffliches Pferd in Besitz, das dem heiligen und zu verehrenden Guru Har Gobind geschenkt werden sollte, dessen

Ruhm dem der Sonne gleicht; und nun hast du in Nachahmung deines

ungerechten Vaters diese von den frommen Sikhs speziell für ihren

geliebten Guru gedachten Rösser beschlagnahmt. Als Vergeltungs-

maßnahme habe ich das erste Pferd durch meinen Scharfsinn genommen.

Mein Name ist Bidhi Chand; ich bin der Knecht des Gurus. Ich war es,

der Dil Bagh heimbrachte, nämlich das Pferd, das du suchst. Aufgrund

der Trennung von seinem Gefährten weinte er in Strömen bei seiner

Ankunft, und wir konnten ihn nur schwer dazu bewegen, zu fressen

und zu trinken. Darum bin ich in der Tracht eines Fährtenfinders und

aus Liebe zu stummen Tieren gekommen, um seinen Gefährten zu ihm

zu bringen. Ich bin der Dieb, der wahre König ist mein Meister.

Jetzt hast du mir den schon gesattelten Gul Bagh gegeben. Ich habe

die Weisheit deines Hofes gründlich eingeschätzt. Wohl werde ich

sagen, wo das Pferd sich befindet und mich dadurch aller Schuld

entlasten. Der Guru hat sein Zelt im neuen Dorf Bhai Rupa auf-

geschlagen. Sei dir dessen sicher, dass Dil Bagh dort steht. Gul

Bagh geht jetzt hin, um sich ihm anzuschließen.“

     Daruafhin band Bidhi Chand die Seile, mit denen das Pferd am

Pflock angebunden war, los, und galoppierte damit nach Bhai Rupa, wo

der Guru lagerte. Dil Bagh wurde in Jan Bhai (so teuer wie das

Leben) und Gul Bagh in Suhela (Gefährte) umbenannt.

     Daraufhin wurde der Kaiser zornig und fragte, ,,Welch tapferer Mann, möchte eine Militärexpedition gegen den Guru unternehmen?“ Ein hoher Offizier

des kaiserlichen Heeres namens Lala Beg erhob sich und erklärte

sich bereit dazu, die Expedition gegen den Guru zu führen und dem

Herrscher die gestohlenen Pferde binnen weniger Tage zu präsen-

tieren. Lala Begs Bruder, Quamar Beg, mitsamt seinen beiden Söhnen,

Qasim Beg und Shams Beg, sowie sein Neffe Kabuli Beg, meldeten

sich ebenfalls als Freiwillige. Lala Beg und seine Gefährten wurden

an die Spitze eines Heeres von fünfunddreißigtausend Berittenen

gestellt. Das kaiserliche Heer marschierte nach Bhai Rupa und, da

man den Guru dort nicht fand, marschierte weiter nach Lehra, seinem

neuen Hauptquartier, das wenige Meilen von Bhai Rupa lag. Der

Guru wählte diesen Ort eben deswegen, weil er mit keiner Stadt in

Verbindung stand, die dem Feind Vorräte oder sonstigen Kriegsbedarf

liefern könnte und nur einen streng vom Heer des Gurus bewachten

Trinkwasserbrunnen hatte.

     An der Spitze des Heeres des Gurus standen Bhai Bidhi

Chand, Bhai Jetha, Bhai Jati Mal und Bhai Rai Jodh, und etwa viertausend Soldaten.

     Rai Jodh ritt mit tausend Mann hin, um mit Qamar Beg zu

streiten. Ein Kugelregen dezimierte die Reihen des kaiserlichen Heeres.

Sie brachten ihre Schwerter und Kanonen zum Einsatz.

Die Truppen des Gurus richteten dem Feind verheerenden

Schaden an. Rai Jodh durchbohrte Qamar Beg mit

seiner Lanze, vorauf dieser zu Boden stürzte und kurz darauf starb.

Nachdem er sah, wie seine Hauptmänner erschlagen und seine

Truppen entmutigt wurden, eilte Lala Beg selbst hin, um mit Bhai

Jati Mal zu streiten und schoss einen Pfeil ab, der Jati Mal auf die

Brust traf und ihn ohnmächtig zu Boden fallen ließ. Als der Guru

Dies sah, betrat er das Schlachtfeld und forderte ihn

heraus, seine Kräfte mit ihm zu messen. Der Guru schoss auf

Lala Begs Pferd, das samt seinem Reiter zu Boden stürzte. Als der

Guru den Hauptmann auf dem Boden sah, saß er vom

Pferd ab, auf dass er seinen Gegner nicht ungerecht übervorteilte.

Lala Beg ergriff die Offensive und richtete mehrere Schwerthiebe

auf den Guru, der einen jeden davon abwehrte. Der Guru sammel-

te seine Kräfte und erteilte dem Hauptmann einen

Schlag, der ihm das Haupt völlig vom Leibe trennte. Kabuli Beg,

der Neffe des Hauptmanns, blieb als einziger der

kaiserlichen Befehlshaber auf dem Schlachtfeld übrig. Als er

Lala Beg niederfallen sah, sprang Kabuli Beg auf den Guru zu.

Wieder und immer wieder schlug er auf den Guru ein, doch wich

dieser jedem Schlag aus. Schließlich warnte der Guru ihn, „Nun bin ich

an der Reihe; verteidige dich!“ Dann erteilte er ihm einen derart heftigen

Schlag, der ihn sogleich enthauptete. Das setzte dem Kampf ein Ende.

Die überlebenden Soldaten des kaiserlichen Heeres flohen, um

ihr Leben zu retten. Das Heer des Gurus hatte insgesamt etwa zwölfhundert tote oder verletzte Soldaten zu verzeichnen.

     Der Kampf, der um Mitternacht begonnen hatte, dauerte acht-

zehn Stunden am16. Maghar, Sambat des Jahres 1688 oder 1631 n. Chr.

(einige datieren diesen Kampf auf  das Jahr 1634). Der Guru bewunderte die Tapferkeit von

Bhai Bidhi Chand, Bhai Jati Mal und Bhai Rai Jodh. Um des Sieges zu gedenken,

wurde an jenem Ort eine Wasserstätte mit dem Namen Guru Sar erbaut.

 

VIERTE UND LETZTE SCHLACHT :

 

            Der Guru machte eine Erholungsreise nach Kangar und

kehrte bald nach Kartarpur zurück. Nach einiger Zeit brach ein

Krieg zwischen den Sikhs und den Moguls aus. Ursache dafür war

diesmal Painde Khan. Er wandte sich an Qutab Khan, den Sube-

dar von Jullundhur, worauf beide sich an den Herrscher wandten

und ihn dazu bewogen, eine gewaltige Streitmacht gegen den Guru

zu entsenden. Kale Khan, Bruder Mukhlis Khans, wurde zum Be-

fehlshaber von fünfzigtausend Mann gemacht. Qutab Khan, Painde

Khan, Anwar Khan und Asman Khan bekamen den Auftrag, für Kale Khan zu kämpfen.

      Bhai Bidhi Chand, Bhai Jati Mal, Bhai Lakhu und Bhai Rai Jodh

stellten ihre Truppen an den vier Seiten Kartarpurs auf. Die Hauptmänner des kaiserlichen Heeres rückten gegen sie vor. Die Pathanen waren jedoch machtlos gegen die tapferen Sikhs, die um ihre Religion und ihren Guru kämpften. Bidhi Chand kämpfte mit Kale Khan

während Baba Gurditta, ältester Sohn des Gurus, mit Asman

Khan kämpfte. Sogar Tegh Bahadur (der später zum neunten Guru

wurde) vollbrachte schon mit vierzehn Jahren Heldentaten auf

dem Schlachtfeld. Painde Khan trat dem Guru mit gezogenem

Schwert entgegen und bediente sich einer profanen Ausdrucksweise

vor dem Meister. Mit den Worten Mohsan Fanis, eines zeitge-

nössischen Geschichtsschreibers, sprach der Guru zu ihm, „Painde

Khan, warum benutzt du nun solche Worte, wo das Schwert doch

in deiner Hand liegt? Komm, mein Knabe, so tapfer du auch sein magst, ich stelle es dir frei, als erster zuzuschlagen. Ich hege keinen Groll gegen dich, aber du bist voller Zorn. Du darfst deine Wut

auslassen, indem du als erster zuschlägst.“

      Painde Khan zielte mit einem mächtigen Hieb auf den Guru, welcher ihn jedoch

abwehren konnte. Ihm wurde es gestattet nochmals zuzuschlagen,

doch war es umsonst. Wegen seiner zwei Fehl-

schläge wutentbrannt schlug er zum dritten Mal, konnte aber nicht treffen. Der

Meister ermahnte ihn daraufhin, „Komm, mein Knabe, ich bringe dir

schon bei, wie man zuschlägt. Nicht auf deine Weise, sondern

diese...“ Als er dies sagte, versetzte er ihm einen derart heftigen

Schlag, dass er tödlich verwundet zum Boden niedersank. Infolge

dieses Schlages schien er sein altes Zugehörigkeitsgefühl wieder-

erlangt zu haben. Der Guru sagte ihm, „Du bist ein Muslim. Jetzt

ist es an der Zeit, deine Kalima (Glaubensbekenntnis) aufzusagen.“

Painde Khan erwiderte, „O Meister, dein Schwert ist meine Kalima

und die Quelle meines Seelenheils.“ Als der Guru sah, dass er im Sterben

lag, erbarmte er sich seiner, hielt ihm sein Schild als Sonnenschutz übers

Angesicht, und sagte, „Painde Khan, ich habe dich wertgeschätzt, erzogen und zum Held gemacht.

Obschon andere Männer Böses von dir redeten, habe ich alle deine Laster vergessen und mir ist niemals etwas Böses über dich in den Sinn gekommen; dennoch hat das böse Schicksal

dich so sehr in die Irre geführt, dass du ein Heer gegen mich

aufbrachtest. Deine eigenen undankbaren und unverschämten Taten

sind es, die zu deinem Tod durch meine Hände geführt haben.

Obwohl du deinem Glauben undankbar und untreu gewesen bist,

bete ich zum Allmächtigen, er möge dir einen Platz im Himmel

gewähren.“

     Nachdem all seine Hauptmänner erschlagen worden waren,

trat Kale Khan dem Guru entgegen. Er schoss einen Pfeil ab,

der sogleich an ihm vorbeizog. Ein zweiter Pfeil schürfte dem Guru die

Stirn und Blutstropfen bespritzten ihm das Angesicht. Er bemerkte,

„Kale Khan, ich habe deine Kriegskunst gesehen. Siehe nun

 meine.“ Daraufhin schoss er einen Pfeil ab, der Kale Khans Pferd

tötete. Der Guru hielt es für eine Ehrensache, abzusitzen und seinem

Gegner die Möglichkeit anzubieten, sich einer Waffe zu bedienen.

Feuerfunken sprühten hervor, als Schwert gegen Schwert aufein-

ander prallten. Er wehrte jeden Hieb ab und bemerkte, „Nicht so,

sondern auf diese Weise ficht man.“ Daraufhin versetzte er Kale Khan

einen Schlag mit seinem zweischneidigen Krummsäbel, der ihm

das Haupt vom Leibe trennte. Daraufhin rannten die kaiserlichen

Soldaten um ihr Leben, und Bidhi Chand und Jati Mal riefen Sieges-

parolen aus.

     Es wird berichtet, dass mehrere tausend Muslime getötet worden waren,

jedoch nur siebenhundert tapfere Sikhs in dieser Schlacht

ihr Leben lassen mussten. Die Waffen wurde am 24. Har, Sambat des Jahres 1691 (1634 n.

Chr. Geb.) niedergelegt.

     Guru Har Gobind war an vier Schlachten beteiligt und gewann sie alle. Da

er schon seit jeher nur auf Verteidigung bedacht war, brachten ihm diese Siege zwar kein neues Territorium, sehr wohl aber hatten sie eine erhebliche Veränderung der Einstellung unter den Sikhs zur Folge. Diese waren von nun an bereit, die Lenden gegürtet und Schwerter mitführend, ihren Glauben zu verteidigen. Eine neue Heldengesinnung breitete sich im Lande aus. Man war bereit dazu, den gewaltigen und ungerechten Mächten der Mogulherrschaft,  die eine Politik religiöser Diskriminierung gegen alle Nichtmuslime eingeschlagen hatte, Widerstand zu leisten. Zum Meister blickten die Sikhs nicht nur als göttlichen Boten auf, sondern als vollendeter Schwert-

kämpfer, als Helden und vollkommener Kriegsmeister.

 

WANDERPREDIGTEN:

 

     Nach Guru Nanak war Guru Har Gobind der erste, der sich zur

Verbreitung der Sikhreligion jenseits des Panjabs begab. Er reiste

von Ort zu Ort und gelangte bis nach Kaschmir im Norden und

Nanakmata, Pilibhit im Osten.

     Ein Sikh namens Almast (sein Name bedeutet Enthusiast),

der über die Sikhreligion zu Nanak Mata bei Pilibhit gepredigt hatte, war von

den Jogis aus seinem Schrein vertrieben worden. Diese Jogis waren es auch, die den heiligen Pipalbaum in Brand gesetzt hatten, unter dem Guru Nanak

eine Debatte mit den Anhängern Gorakh Naths gehalten

hatte. Tag und Nach las Almast die Schriften der Gurus. Er pflegte

zu beten, „Oh Herzenserforscher, wahrer Guru, leiste

uns Hilfe!“ Notleidend wartete er, bis der Guru kam, um Guru

Nanaks Tempel auszubessern und in Besitz zu nehmen.

     Ramo, älteste Schwester der Gattin des Gurus, Damodri, vermähl-

te sich mit Sain Das, der in Daroli im heutigen Bezirk Feroze-

pur wohnte. Sain Das betete stets darum, dass Guru Har Gobind

seinem Dorf einen Besuch abstatten würde. Er erbaute einen herr-

schaftlichen Wohnsitz, um ihn zu empfangen, und schwor, niemanden

darin wohnen zu lassen, bis ihn der Guru durch seine Gegenwart

geheiligt hätte. Sain Das fertigte ein wunderschönes Bett an und

stellte über die Liegefläche einen Baldachin auf. Jeden

Morgen pflegte er Blumen ins Zimmer zu legen und betete

darum, dass der Guru kommen und das Haus segnen würde. Ramo

bat Das immer darum, den Guru herbeizubringen, aber dieser antwortete nur, „Der Guru ist allwissend und wird von selbst kommen.“

       Wegen Almasts Schwierigkeiten und Sain Das’ Hingabe be-

schloss der Guru, Nanakmata und Daroli, zusammen mit einer Truppe bewaffneter Dienstboten, zu besuchen. Er reiste nach Kartarpur, wo er einige Tage verweilte. Bei seiner Ankunft in Nanakmata glaubten die Jogis, als sie sein Gefolge erblickten, irgend-

ein Raja sei gekommen. Almast trat hervor und brachte seine

Dankbarkeit darüber zum Ausdruck, dass sein geistlicher Meister angekommen

war. Der Guru errichtete eine Plattform, auf der er saß

und die Sodar rezitierte. 

Er bestreute den Pipalbaum mit Safran, worauf er in voller Pracht wieder

aufblühte. 

       Die Jogis kamen in einer Gruppe und behaupteten,  „Du bist ein

Familienmann; wir sind wohlbekannte heilige Asketen. Dieser Ort,

der den Namen Gorakhnath trägt, hat seit jeher uns gehört. Verlasse

ihn darum und gehe, wohin auch immer es dir beliebt.“ Der Guru

entgegnete, „Wen nennt ihr also einen heiligen Asket? Nur den nenne

ich einen, der den Stolz abgelegt und die Liebe Gottes im Herzen

hat. Er ist es und nicht etwa ein Mensch in Asketentracht, der das

Seelenheil erlangen wird.“ 

       Um ihn zu erschrecken, stellten die Jogis ihre übernatürlichen

Kräfte zur Schau, konnten aber keine Wirkung auf den Guru er-

zielen und zogen sich somit zurück. Seit jenem Tag heißt der Ort

Nanakmata und blieb im Besitz der Udasi Sikhs. Dort verweilte

er eine Zeit lang und beschäftigte sich damit, seinen Sikhs zu pre-

digen und gründete eine Hilfsorganisation für Sikhs unter der  Lei-

tung Almasts.

       Auf der Rückreise ging er nach Daroli weiter, wo seine Mutter

und Frauen auf ihn warteten. Sain Das und seine Gattin Ramo er-

flehten seine Segen. Er antwortete, „Gott steht zu allen Zeiten den-

jenigen bei, deren Herzen rein sind. Meditiert mit reinem Sinn auf

seinem Namen und akzeptiert seinen Willen—dann werdet ihr

glücklich sein.“

       Es war Vollmond im Monat Kartik, Sambat des Jahres 1670 (1613 n.

Chr.). Mata Damodri brachte einen Sohn zur Welt, der hernach

Gurditta genannt wurde und Guru Nanak bemerkenswert ähnelte.

Danach kehrte er nach Amritsar zurück.

       Ein Brahmane namens Sewa Das, der zu Srinagar in Kashmir

wohnte, hatte sich zur Sikhreligion bekehren lassen. Seine Mutter,

Bhagbhari, fertigte dem Guru ein schönes Gewand an, um es ihm

zu schenken, wenn er sie besuchte. Sie betete unablässig und wartete

auf den, der auf ihr Gebet antwortete, indem er beschloss, nach

Kaschmir weiterzugehen, um sie zu sehen.

       Auf seinem Weg nach Kaschmir gelangte er nach Chaparnala

bei Sialkot, wo er einem Brahmanen begegnete und sich bei ihm er-

kundigte, wo er Wasser zum Trinken und Baden finden könnte.

Der Brahmane antwortete leichtsinnig, das Erdreich sei steinig und

Wasser deswegen sehr knapp. Daraufhin rammte der Guru sein Speer

in den Boden, und man sagt, eine Quelle reinen Wassers sei hervor-

gequollen. Die Sikhs erbauten ein Taufbecken an der Quelle und

nannten es Gurusar. Der Brahmane schämte sich und bat um

Verzeihung, weil er die Größe des Meisters nicht erkannt hatte.

Der Guru erwiderte, „Die Sünden derer, die umkehren, werden ver-

ziehen werden.“

       Er setzte seine Reise in die Berge Kaschmirs fort. Dort begegnete er Kattu Shah, einem glaubenstreuen Sikh, der ihn in Amritsar besucht hatte. Er übernachtete bei ihm und reiste dann

weiter nach Srinagar, wo Sewa Das meditierte und ihn erwartete.

Seine Mutter sagte, er verehre sogar den Boden, auf dem der 

Guru wandelte. Er wurde mit großem Respekt und Enthusiasmus

empfangen und er bat Sewa Das Mutter darum, das von ihr für

ihn angefertigte Gewand herbeizubringen. Er legte es an und

segnete sie. Überwältigt von Hingabe dem Guru gegenüber rezitierte

sie folgendes Shabad:

 

       „Wer, außer dir, mein Geliebter, könnte so etwas vollbringen?

       Liebhaber der Armen, Herr der Welt, Du hast mir den Schirm

       Geistiger Herrschaft über das Haupt gestellt.“

                                (Rag Bani Maru Ravdas, Seite 1106)

       Danach tranken sie und ihr Sohn etwas von dem Wasser, in

welchem der Guru sich die Füße gewaschen hatte, und verteilten

den Rest überall in ihrem Haus.

       Große Mengen von Kaschmiris, sowohl aus Srinagar als auch

aus den umliegenden Dörfern, erwiesen ihm ihre Ehrerbietung

und viele nahmen die Sikhreligion bereitwillig an.  Eine sehr

interessante Begebenheit: Eine Sikhgruppe kam von einem

abgelegenen Dorf, um den Guru zu erblicken, und brachte Honig

als Opfergabe. Unterwegs begegneten sie Kattu Shah, der sie

darum bat, ihm etwas von dem Honig abzugeben, aber sie lehnten

seine Bitte ab und sagten, sie könnten ihm (dem Guru) von Kattu

Shah Übriggebliebenes nicht anbieten. Als sie zum Guru

kamen, war der Honig verdorben und voller Würmer. Der Guru be-

merkte, „Das ergibt sich daraus, daß ihr meinem Sikh, in dem der

Geist des Gurus ist, nichts gegeben habt.“ Er wies sie an zurück-

zukehren und Kattu Shah zufrieden zu stellen. Es wird gesagt, der

Honig sei wieder frisch und süß geworden, als sie zu Kattu Shah

zurückkehrten. ,Hungriger Mund ist des Gurus Schatz.’       Er kehrte über Bara Mula nach Pandschab zurück. Am nächsten Tag besuchte er den Ort, wo Rikhi Kashyap gewohnt hatte und Vishnu

sich angeblich in Feilspäne umgewandelt haben soll. Dann reiste

er nach Gujrat im Pandschab, wo er Shah Daula, einem Heiligen

jener Stadt, begegnete. Er war verwundert, als er den Guru sah mit

einem Schwert an beiden Seiten hängend, Federbusch am Turban be-

festigt und einem Falken, der auf seinem Handgelenk saß. Shah

Daula fragte ihn, „Wie kannst du nur ein religiöser Mensch sein,

in Anbetracht dessen, dass du Frau und Kinder hast,

weltliche Reichtümer besitzt und Waffen trägst?“ Der Guru

entgegnete,  Eine Ehefrau ist das Gewissen des Mannes, seine Kin-

der halten sein Andenken aufrecht, der Wohlstand dient dem Lebens-

unterhalt und Waffen sind notwendig, um die Tyrannen auszurotten.

       Danach reiste er nach Wazirabad und Hafizabad weiter, die

beide im Bezirk von Gujranwala (im heutigen Pakistan) lagen.

Dann reiste er nach einem Dorf namens Mutto Bhai und verkündete

die Grundsätze seines Glaubens. Dort verweilte er auch einige Zeit.

Der Guru erreichte dann Mandiali, einen Ort etwa fünf Meilen

von Lahore entfernt. Hier vermählte  Dwarka, ein streng gläubiger

Sikh, seine Tochter, Bibi Marwahi, mit ihm. Während er noch in Mandiali war, wurde er von seinem Sikh Langha über die nachhaltigen Bemühungen einiger Offiziere und

Qazis den Herrscher dazu zu bewegen, die Heiligtümer der Sikhs zu

zerstören, informiert. Nur Beiläuftig nahm der Guru dies zur Kenntnis und reiste

weiter nach Talwandi, dem Geburtsort Guru Nanaks. Er erteilte dem

Volk, das sich dort anlässlich des Namani Festes versammelt hatte,

religiöse Anweisungen. Von dort aus reiste er nach Madai weiter.

Sein nächster Aufenthaltsort war zu Manga im Bezirk von Lahore.

Von dort aus kehrte er nach Amritsar zurück, wo seine Ankunft wie gewöhnlich mit Jubel und Trubel gefeiert wurde.

       Während der Herrschaft Shah Jahans waren alle dem Guru

gegenüber feindselig gesonnenen Personen und Gruppen stets

auf die Möglichkeit aus, ihn anzugreifen und somit dem Vorankommen der

Sikhbewegung im Wege zu stehen. Tara Chand, Herrscher von Hadur

oder Kehlur (Nalagarh) hatte den Guru erwartet und ersuchte ihn,

seinem Staat einen Besuch abzustatten. Angesichts dieser Umstände

hatte der Guru ein anderes Hauptquartier im Sinne. Er sandte seinen

Sohn, Baba Gurditta, zu Tara Chand und versprach ihm seinen Staat

etwas später zu besuchen. Der Raja bot ihm ein Grundstück an als

dauerhaften Wohnsitz. Einigen Autoren zufolge wurde das Grund-

stück von ihm gekauft. Baba Gurditta gründete die Stadt Kiratpur

auf diesem Grundbesitz.

       Noch immer war die Malwaregion eine weit ausgedehnte Ein-

öde, dessen Volk sich noch für keine Religion entschieden hatte.

Darum unternahm der Guru eine große Wanderschaft in dieser

Region. Er besuchte Marajh, Dabwalli, Bhadaur, Mahal, Ded

Maluke, Demru und gelangte dann nach  Darauli. Vor seiner Ab-

reise segnete er das Volk von Darauli und schenkte ihm ein

'Pothi' und ein kleines Katar (ein kleines Schwert) als Andenken.

Er besuchte  Bara Ghar, Mado, Lopo und Sidhwan und kam dann

nach Sidhar. Von seiner Frau, Bhagan, inspiriert, welche

eine Tochter Bhag Mal Gills - eines Anhängers

des Gurus - war, wartete Rai Jodh, ein reicher Grundbesitzer aus Kangar,

auf ihn. Er war derart beeindruckt, dass er sich wünschte der Sikhgemeinschaft anzuschließen. Der Guru weihte ihn, sowie seinen Bruder Umar Shah und viele andere aus ihrer Familie, ein.

       Die Menschen kamen in Scharen herbei und nahmen den

Sikhismus begeistert an, insbesondere in der Malwaregion. Zum

ersten Mal in der Geschichte indischer Religionen fanden die Men-

schen einen religiösen Führer, der die Ansicht vertrat, Ungerechtigkeit,

Tyrannei und Ausbeutungen aller Art Widerstand zu leisten. In der

Tat waren es die Identifizierung des Gurus mit den unterdrückten

Gesellschaftsschichten und seine steten Bemühungen um ihr

Wohlergehen und Aufbau, die ihn zum Anziehungspunkt der Massen

machten.

 

DIE FAMILIE DES GURUS:

 

Der Guru hatte fünf Söhne und eine Tochter. Sie wurden in folgender Reihenfolge geboren:

 

       Baba Gurditta wurde Mata Damodri im Jahre 1613 geboren.

       Bibi Viro wurde Mata Damodri im Jahre 1615 geboren.

       Baba Surj Mal wurde Mata Marwahi im Jahre 1617 geboren.

       Baba Ani Rai wurde Mata Nanaki im Jahre 1618 geboren.

       Baba Atal Rai wurde Mata Nanaki im Jahre 1619 geboren.

       Baba Tegh Bahadur wurde Mata Nanaki im Jahre 1621 geboren.

 

       Es wohnte ein Sikh namens Gurmukh in Amritsar, der nur

einen Sohn, Mohan, hatte. Baba Atal und Mohan spielten früher

zusammen. Eines Tages spielten sie bis Anbruch der Dunkelheit.

Den Sieg trug Baba Atal davon und es wurde abgemacht, das Spiel

sollte am nächsten Morgen fortgesetzt werden. Als Mohan hinaus-

ging, wurde er von einem Kobra gebissen und der Knabe erlag

dem Tode. Andernmorgens ging Baba Atal Rai zu Mohan und

ihm wurde gesagt, Mohan sei verstorben. Baba Atal glaubte nicht,

daß er tot war und er erweckte ihn wieder zum Leben. Daraufhin

sprach der Guru zornig zu ihm,  „Du vollbringst wohl Wundertaten,

während ich die Menschen lehre,Gottes Willen zu gehorchen.“

Baba Atal antwortete,  „Großer König, mögest du lange leben, ich

gehe zum Sackhand (Himmel).“ Indem er dies sagte, ging er hin,

um sich im Nektarbecken zu baden. Nach seinen Waschungen

vermengte sich sein Licht mit dem Licht Gottes, als er neun Jahre

alt war.

       Guru Har Gobind berichtete alle Geschehnisse seinem ältesten

Sohn, Gurditta, und sandte ihn zu Budhan Shah, dessen Hingabe er

lobte. Baba Gurditta nahm seine Frau Natti und seinen

Sohn Dhir Mal mit und traf Budhan Shah am Ufer des Flusses

Satluj. Baba Gurditta mahnte ihn,  „O Priester, du hast die Milch, die

dir anvertraut wurde. Bring sie mir her! Der Guru ist mein Vater und

hat mich gesandt, sie zu kosten.“6 Budhan Shah gab die Milch

her und sie war so frisch wie eh und jeh. Baba Gurditta und seine Frau Natti wohnten weiterhin in Kiratpur. Ein Sohn wurde ihnen am

16. Januar, 1630 geboren und sie nannten ihn Har Rai.

 

BHAI BUDDHA:

 

       Bhai Buddha blieb in Ramdas, seinem Dorf, eifrig bedacht auf

seine Andachten. Als er seinem Lebensende entgegenblickte, bat er

den Guru zu kommen und das Versprechen zu erfüllen, das er ihm

einst geleistet hatte. Er sagte ihm,  „Bhai Buddha, du hast lange

gelebt, du bist seit jeher bei den Gurus gewesen. Belehre mich!“ 

Bhai Buddha erwiderte,  „Großer König, du bist eine Sonne; neben dir

bin ich ein Leuchtkäfer. Du bist gekommen, um mich zu erlösen und

meine sterbenden Worte zu hören... Seit sechs

Generationen bin ich ein Knecht im Hause des Gurus. Komm mir

im Jenseits zu Hilfe und lasse nicht zu, daß ich leide, wenn ich die

Tür des Todes betrete, welche ich gerne hoffe, sie sei das Tor des

Heiles. Hier ist mein Sohn, Bhana, dir zum Dienst bereit; nimm

seinen Arm und behalte ihn dir zu Füßen.“ Der Guru erwiderte,

 „Bhai Buddha, du wirst gewiss Wonne erlangen. Deine

Demut bürgt dafür.“  Dann legte er Bhai Buddha seine Hand auf das

Haupt und segnete ihn, der dann nach seinem himmlisches Zuhause

hinging. Der Guru und seine Sikhs sangen Glückwünsche anlässlich

Bhai Buddhas Hinscheidens nach seinem langen, ereignisreichen

Leben und lobten ihn wegen der von ihm zur Verbreitung und Festi-

gung des Sikhglaubens geleisteten Hilfe. Der Guru selbst zündete

den Scheiterhaufen an.

 

BHAI GURDAS:

 

       Bhai Gurdas war ein Zeitgenosse der vierten, fünften und

sechsten Gurus und war mit ihnen und deren Zeitgenossen bekannt,

insbesondere Bhai Buddha, ein betagter Sikh, der seit

Guru Nanaks Lebzeiten weitergelebt hatte. Die Lehren der Sikh-

religion sind in Bhai Gurdas Vars aufgezeichnet. Die Vars sind

vierzig an der Zahl und jede ist in verschiedenen Nummern von

Pauries (Strophen) aufgeteilt, wobei jede Pauri jeweils fünf bis

zehn Zeilen beinhaltet.

       Eines Morgens ging der Guru hin zu Bhai Gurdas, dessen Leben

jetzt zur Neige ging. Er erbat Verzeihung für jegliche Sünde, die

er vielleicht begangen hatte. Der Guru erwiderte,  „Ich danke dir,

Bhai Gurdas, daß du dabei geholfen hast, dem Sikhglauben die

Bahn zu ebnen. Unter den Sikhs des Gurus wird dein Name un-

vergänglich werden.“ Als er das gehört hatte, meditierte Bhai Gurdas

auf Gott, zog ein Bettuch über sich und tat die Augen in ewigen

Schlaf zu am Freitag, dem fünften Tag des Halblichtes Bhadons,

Sambat 1686 (1629 n. Chr. Geb.). Nachdem er die Sterberiten vollzogen hatte, kehrte er nach Amritsar zurück.

 

 

DER GURU BEI KIRATPUR:

 

Von 1635 bis 1644 lebte er in Kiratpur, einer Stadt am Fuße des Himalajas, die nicht so leicht zugänglich war in jenen Tagen der dürftig entwickelten Transport- und Kommunikationsmittel. Er wählte sie, um so jede weitere Feindseligkeit zwischen den Sikh und der Regierung des Mughal, nach der Konfrontation in vier Schlachten, zu unterbinden.

Es gab Rajas aus den bergen, die große Bewunderer des Gurus waren, da er sich darum bemühte, sie aus dem Fort  von Gwalior zu befreien. Einige von ihnen hatten begonnen den Sikhismus zu verehren. Dies sind einige der Umstände, unter denen der Guru scheinbar sein Hauptquartier in Kiratpur errichtete. War er auf dem Schlachtfeld, war es an Baba Gurditta sich um die organisatorischen Dinge zu kümmern.

1636 bat der Guru Baba Gurditta vier Hauptprediger zu ernennen.: Almast, Phul, Gonda and Baba Hasna. Almast wurde zum Cheforganisator der Bekehrungsbemühungen im Osten gemacht

Baba Hasna, der jüngere Bruder von Almast ließ sich bei den Leuten von Pothohar, Kashmir, Chhachh und Hazara nieder. Auf ähnliche Weise wurde Phul

und Gonda  die Gegend um Doab zugeschrieben, damit sie dort Bekehrungsarbeit leisten. Alle diese vier Udasi-Zentren wurden auf dem ihnen jeweils zugeteilten Gebiet gegründet. Sie waren Predigtzentren und wurden Dhuans oder Herde genannt, um so die Flammen des Sikhismus zu symbolisieren.

Darüber hinaus sandte der Guru Bidhi Chand nach Bengalen. Zuvor hatte er bereits Bhai Gurdas nach Kabul  und dann zu den Bewohnern von Benares geschickt. Er sollte die Menschen über den Lobgesang des Gurus aufklären und auch den Pferdehandel anregen.

Eines Tages ging Baba Gurditta auf die Jagd. Der Zufall wollte es, dass einer seiner Sikh aus Versehen eine Kuh schoss, statt eines Rehbocks. Die Hirten kamen und sperrten den betreffenden Sikh ein. Baba Gurditta kam ihm zur Hilfe und bot eine Entschädigung an. Die Hirten wollten vom Sohn des Guru (Gurditta) nichts weniger als die Wiederbelebung der Kuh.  Würde er die Kuh zum Leben erwecken, wäre der Guru genauso verärgert, wie er zuvor im Falle Baba Atals gewesen war. Sollte er sich weigern den Wunsch dem Hirten folge zu leisten, würden diese seinen Sikh als Geisel behalten. Er wurde schließlich davon überzeugt, die Kuh wiederzubeleben. Als dies dem Guru mitgeteilt wurde, bemerkte er: „Es gefällt mir gar nicht, wenn sich jemand auf eine Stufe mit Gott stellt, und den Toten das Leben schenkt. Jeder wird einen Toten an meine Tür bringen, und wen sollte ich dann für die Wiederbelebung auswählen?“  Baba Gurditta antwortete “Mögest du für immer leben! Ich nehme Abschied.“  Er ging zu Budhan Shahs Schrein, trieb seinen Stock in die Erde, legte sich hin und ging fort zu seinem himmlischen Ruheplatz im jungen Alter von 24 Jahren. Dies geschah 1638.

 

Daraufhin schickte der Guru nach Baba Gurdittas ältestem Sohn Dhir Mal aus Kartarpur und auch nach dem Adi Granth, welches sich in dessen Obhut befand.

Er beabsichtigte das heilige Werk für die ewige Ruhe von Gurdittas Seele lesen zu lassen und er wollte auch, dass Dhir Mal anwesend wäre, um den Turban nach dem Tode seines Vaters zu empfangen, als Zeichnen der  Erbfolge seines Besitzes und seiner Stellung. Dhir Mal lehnte die Einladung ab, indem er sagte: “Mein Vater ist nicht in Kiratpur. Zu wem soll ich gehen? Es ist die Angst vor dem Gurus, durch die mein Vater den Tod fand. Ich möchte noch nicht sterben. Ich selbst werde die Adi Granth für meinen Vater lesen lassen.“ So behielt er die heilige Schrift, da er dachte, wer auch immer sie in seiner Obhut hätte, wäre der Guru. Bhai Bidhi Chand hatte eine unvollständige Kopie der Adi Granth, die zu jener Zeit gelesen wurde.

Eines Tages fragte Mata Nanaki, die Frau des Gurus, ihren Mann: “Oh Herr, du  zeigst gegenüber Har Rai, der dein Enkelsohn ist, immer große Freundlichkeit, aber du zollst  deinem eigenen Sohn Tegh Bahadur keine Achtung. Erfüll meinen Wunsch und lass ihn den Thron erben.“ Der Guru erwiderte: „Tegh Bahadur ist ein Guru der Gurus. Es gibt niemanden, der das Unerträgliche so gut erträgt, wie er es tut. Er hat göttliches Wissen erhalten und der weltlichen Liebe entsagt.  Wenn du die Geduld aufbringst, wird die Guruschaft zu ihm zurückkommen.“

Ein Tag für eine große Versammlung wurde festgelegt. Als alle anwesend waren, stand Guru Har Gobind  auf, nahm Har Rai bei der Hand und ließ ihn auf Guru Nanaks Sohn Platz nehmen. Bhai Bhana, der Sohn von Bhai

Buddha, befestigte das Tilak an Har Rais Stirn und schmückte ihn mit einer Blumenkette. Nachdem der Guru fünf Paise und eine Kokosnuss vor ihn hingelegt hatte, verbeugte er sich vor ihm und erklärte ihn zum Guru. Dann wandte er sich an die Sikh: „Erkennt mich jetzt wieder in Har Rai. Guru Nanaks spirituelle Kräfte sind auf ihn übergegangen.“

Was dann folgte waren lautstarke Glückwünsche der Sikh und die Minnesänger begannen zu singen.

Im März des Jahres 1644 verließ Guru Har Gobind diese Welt bei Kiratpur.

 

Nachdem die letzten Riten vollzogen worden waren, machten sich Mata Nanaki und ihr Sohn - gemäß den Anordnungen des Gurus- auf den Weg nach Bakala, wo sie beide lebten, bis  Tegh Bahadur die Guruschaft erhielt.

 



1  Wazir Khan war zu dieser Zeit der Vizekönig von Punjab. Er litt an einem Wasserbauch und genas nachdem er das Sukhami rezitiert bekam. Daraufhin bekam er ein Anhänger des Gurus.

 

2 manche Schriftsteller überliefern, dass der Guru wegen Schulden verhaftet wurde. Wenn dies der Fall gewesen wäre, wie hätte er dann die Freilassung der zweiundfünfzig Prinzen erreichen können? Der Guru verstand sich gut mit dem Imperator. Wegen seiner Krankheit ging der Guru zu der Festung zu Gwalior und deshalb gewährte der Imperator dem Guru auch den Wunsch, dass die Prinzen freigelassen w2urden.

3 Kahan Singh, ein Historiker der Sikh,  schreibt, dass sie ein Hindu Mädchen namens Kamla war. Qazi Rustam kaufte sie und behielt sie als Sklavin. Ihr wurde der Islam gelehrt.

4 Manche Schreiber überliefern, dass weder Shah Jahan noch der Guru auf die Jagd gingen, sondern nur einige von den zugehörigen Männern

 

6 Manche Schreiber behaupten, dass es Guru Har Gobind selbst war, der Budhan Shah um Milch gebeten hat. Als Guru Nanak Budhan Shah traf, bot dieser ihm Milch zum Zeichen seines Respekts an. Der Guru versprach ihm, dass er die Milch später trinken würde. Deshalb geschah es, dass Guru Har Gobind Budhan Shah an die versprochene Milch erinnerte, worauf Budhan Shah erwiderte, ,,Du siehst dem Guru, dem ich die Milch gegeben habe, nicht ähnlich.“ Daraufhin erschien Guru Har Gobind in der Gestalt Guru Nanaks und nahm die Milch an, um sein Versprechen einlösen zu können.